Nordkoreas Raketen werden für die Ukraine zur tödlichen Gefahr


Kim scheffelt Milliarden

Sie lieben den grossen Auftritt: Kim Jong-un (vorne rechts) und Tochter Kim Ju-ae (vorne links) Ende November in Pjöngjang.

EPA KCNA

Fast ein Jahr hat keine nordkoreanische Rakete die Ukraine getroffen. Doch damit ist Schluss: Einem ersten tödlichen Treffen dürften weitere folgen. Angeblich stehen eine ganze Raketen-Einheit sowie bis zu 50’000 Soldaten vor einer Verlegung nach Osteuropa. Für Kim Jong-un rechnet sich das.

Philipp Dahm

Darum geht’s

  • Erstmals seit August 2025 hat Russlands Armee am 30. Juli eine nordkoreanische Rakete eingesetzt und damit eine Familie ausgelöscht.
  • Nordkorea hat bis zu 100 ballistische Raketen an Moskau geliefert und testet diese in der Ukraine unter realen Bedingungen.
  • Nordkorea könnte in Kürze eine ganze Raketen-Einheit und 30’000 bis 50’000 Soldaten nach Russland schicken, warnt Kiew.
  • Zwischen 2022 und 2025 soll Kim Jong-un für seine Militärhilfe bis zu 22 Milliarden Dollar vom Kreml bekommen haben.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Das Ereignis ist so grausam, dass es selbst der ukrainische Präsident öffentlich beklagt. Es ist der 30. Juli in Raduschne, einer Siedlung 15 Kilometer entfernt von Wolodymyr Selenskyjs Geburtsstadt Krywyj Rih im Oblast Dnipropetrowsk.

Bei den roten Punkten unter der Industriestadt Krywyj Rih liegt die Siedlung Raduschne.

Bei den roten Punkten unter der Industriestadt Krywyj Rih liegt die Siedlung Raduschne.

Google Maps

Der Tod kommt aus der Luft: Eine ballistische Rakete trifft die Siedlung. Zwei Wohnhäuser werden völlig zerstört, fünf weitere beschädigt, meldet die «Kyiv Post». Ein Feuer bricht aus. Der Ukrainer Matvii Voronov erfährt in Polen, was in seiner Heimat passiert ist.

Sein Vater Artem (47) und seine Mutter Olena (41) Voronov haben insgesamt zehn Kinder und drei Enkelkinder. Mit acht der Nachkommen sind sie am 30. Juli zuhause – darunter der eineinhalbjährige Artem, der nach dem Grossvater benannt ist. Von ihrem Haus bleibt nur noch Schutt, als die Rakete einschlägt: Sie löscht eine ganze Grossfamilie aus.

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Das Geschoss, das sie getötet hat, hätte eigentlich die Industriestadt Krywyj Rih treffen sollen, glauben die Behörden. Die fehlgeleitete Rakete stammt aus Nordkorea.

Folgt eine nordkoreanische Raketen-Einheit?

Was für die einen eine Tragödie bedeutet, ist für andere ein Update: Spezialisten aus Pjöngjang werden den Fehlschuss genau auswerten. «Nordkorea bekommt die Gelegenheit, seine Waffen unter realen Kampfbedingungen einzusetzen», sagt Vadym Skibitskyi, Vizechef des Militärnachrichtendienstes HUR alias GUR, dem Portal RBC-Ukraine.

Dabei würden wichtige Daten für die Verbesserung der Waffe gewonnen. Die ballistischen Raketen sind für Kiew ein grosses Problem: Sie können wegen fehlender Patriot-Raketen kaum abgefangen werden.

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Das weiss auch der Kreml – und schüttet Salz in die Wunde: Wie die Nachrichtenagentur «Reuters» unter Berufung auf HUR-Mitarbeiter Andrii Cherniak berichtet, wird nun eine ganze nordkoreanische Raketeneinheit nach Westrussland verlegt. Sie soll sechs Startrampen, 120 ballistische Raketen vom Typ KN-23 und KN-24 sowie 90 Mann Personal umfassen.

«Eine der grössten Schwachstellen der Ukraine»

Die Nordkoreaner sollen der 112. russischen Raketenbrigade in Woronesch angeschlossen werden – zum Leidwesen Kiews: «Die Abwehr ballistischer Raketen ist eine der grössten Schwachstellen der Ukraine», sagt Rob Lee von der US-Denkfabrik Foreign Policy Research Institute zu «Reuters». «Daher wird jede Erhöhung der Anzahl der ballistischen Raketen, denen sie ausgesetzt ist, eine grössere Herausforderung darstellen.»

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Zumal Pjöngjang seine Technik angeblich weiterentwickelt hat. Das würden Test-Abschüsse in Nordkorea selbst suggerieren, schreibt die «South China Morning Post». Der Grund: Normalerweise prahle Nordkorea mit seinen Tests, doch zuletzt habe man sich auffallend bedeckt gehalten. Das deute auf ein Update oder gar eine neue Rakete hin.

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«Nordkorea prüft möglicherweise die Leistung der Rakete mit neuen Sprengköpfen und testet die Genauigkeit neuer Leitsysteme», erklärt Lee Il-woo von der Denkfabrik Korea Defence Network der Hongkonger Zeitung. «Am beunruhigendsten ist, dass Nordkorea durch den Krieg Erfahrungen dabei sammelt, die US-Raketenabwehrsysteme zu durchbrechen, die auch in Südkorea stationiert sind.»

Kim Jong-un scheffelt Milliarden

Die Kooperation zwischen Pjöngjang und Moskau endet damit aber nicht, warnt Wolodymyr Selenskyj: Laut dem ukrainischen Präsidenten soll der Kreml mit weiteren 30’000 bis 50’000 nordkoreanischen Soldaten unterstützt werden, was Russlands Rekrutierungsprobleme lindern würde.

Die Präsenz der Nordkoreaner soll sukzessive erhöht werden, glaubt Selenskyj. Dass Kim Jong-un beim Krieg in Osteuropa mitmacht, hat einen guten Grund: Der Diktator lässt sich seine Hilfe von Wladimir Putin teuer bezahlen. Schon seit Kriegsbeginn 2022 lässt er Moskau Männer und Munition zukommen.

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Bis zu 22 Milliarden US-Dollar soll Pjöngjang zwischen 2022 und 2025 eingestrichen haben, hat der Wirtschaftsdienst Bloomberg errechnet. Angesichts der Sanktionen gegen Nordkorea und der internationalen Isolierung sei das wie ein Lottogewinn für das Regime, erklärt der Korea-Experte Andrei Lankov.


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