Schweizer Gletscher schmelzen in Rekordtempo


Schneearmer Winter und Hitzesommer

Vier Meter hat der Rhonegletscher allein diesen Sommer an Dicke verloren. Kleinere Gletscher verschwinden gerade ganz von der Alpenoberfläche.

KEYSTONE

Der schneearme Winter und der extrem heisse und trockene Sommer sind eine tödliche Kombination für Gletscher. Noch liegen aber keine Messungen vor, die belegen, wie viel Masse sie exakt verloren haben.

Stefan Michel

Darum geht’s

  • Der aktuelle Hitzesommer und der schneearme vergangene Winter lassen die Schweizer Gletscher noch schneller schmelzen als zuvor.
  • Den Gletscherschwund ermitteln Wissenschaftler*innen alle drei Jahre.
  • In den vergangenen sieben Jahren sind 160 Gletscher verschwunden, bis 2050 werden 600 der 1300 Schweizer Gletscher verschwunden sein – bei einem günstigen Klimaszenario.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Die Bilder vom geschmolzenen Bella Tola Gletscher im Wallis haben die Schweiz aufgeschreckt. Die Wissenschaft, namentlich das Schweizerische Gletschermessnetzwerk hat dies noch nicht bestätigt. Automatische Messungen zeigen aber, dass die Schweizer Gletscher insgesamt gerade enorm viel Eismasse verloren haben.

In normalen Jahren profitieren die Gletscher bis im Juni von der Schneedecke aus dem Winter. Im August fällt ab 2500 bis 3000 Metern Höhe oft schon wieder Schnee, der die Eismasse vor der Sonne schützt.

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Nicht so 2026. Der Winter hat wenig Schnee gebracht, so war der Vorrat sehr viel früher aufgebraucht als in anderen Jahren. Zudem ist es seit Ende Mai fast durchgehend heisser als im Durchschnitt von 1991 bis 2020. Im Juni lagen die Temperaturen 3,5 Grad Celsius über dem Mittel, im Juli 3,2 Grad.

«Ein trockener Winter und die hohen Sommertemperaturen sind die maximal ungünstige Ausgangslage für die Gletscher», erklärt Matthias Huss im Gespräch mit blue News. Er forscht als Glaziologe an der ETH und leitet das Schweizer Gletschermess-Netzwerk Glamos.

In 7 Jahren sind 160 Gletscher verschwunden

2028 publizieren Huss und seine Kolleg*innen die nächsten Zahlen zur Eismasse – das Gletscher-Inventar. Mit präzisen Luftbildern ermitteln sie die Fläche der Schweizer Gletscher und vergleichen diese mit der Fläche, die sie im Vorjahr hatten.

Ist von einem Gletscher weniger als eine Hektare übrig, gilt er als nicht mehr existent. «Oft bedeutet das aber, dass er in mehrere kleinere Gletscher zerfallen ist, weshalb die Anzahl sogar ansteigen kann», erklärt der Glaziologe. Ohnehin sei die Fläche keine Grösse, die zeige, wie viel Masse die Schweizer Gletscher haben. Die Eisvolumen misst Glamos alle drei Jahre, das nächste Mal 2028.

Gemäss Ein-Hektar-Regel sind laut Huss in den letzten sieben Jahren 160 Gletscher verschwunden. «Darunter sind viele namenlose, abgelegene, das hat viel weniger Aufsehen erregt, als jetzt Bella Tola, der gut erreichbar ist.» Ob er wirklich tot ist, müsste ein Besuch vor Ort zeigen.

Wann ist ein Gletscher tot?

«Das Eis eines Gletschers fliesst, tut es das nicht mehr, ist er tot», führt Huss aus, «es ist aber nicht immer klar, ab wie wenig Fliessaktivität eine Eismasse tot ist, denn Eis fliesst immer, zumindest ein bisschen.» Ob der Bella Tola Gletscher also tatsächlich im Sommer 2026 endgültig verschwunden ist, weiss im Moment niemand.

Die Gletscher wachsen und schwinden jedes Jahr, das zeigen die Messungen des Netzwerks. Der 1. Oktober gilt im Jahresverlauf als Nullpunkt, von da an steigt die Dicke an bis im Mai, ab dann nimmt das Volumen ab und erreicht im August oder September sein Minimum. In der Regel liegt der neue Nullpunkt dann ein bisschen unter dem des Vorjahres, der Gletscher ist also insgesamt geschrumpft.

Die Grafiken des Jahres 2026 zeigen, dass der Massenverlust deutlich stärker ist als im Durchschnitt von 2010 bis 2020; Jahren also, in denen der Gletscherschwund in den Alpen längst eingesetzt hatte. Die Kurve 2026 fällt deutlich steiler ab als jene der Vorjahre. Mit einer Ausnahme: 2022 waren die Gletscher zum gleichen Zeitpunkt noch stärker geschwunden als 2026.

Die Grafik zeigt: 2022 schmolzen die Gletscher noch stärker, aber auch 2026 verlieren sie enorm an Masse.

Die Grafik zeigt: 2022 schmolzen die Gletscher noch stärker, aber auch 2026 verlieren sie enorm an Masse.

Glamos Schweizer Gletscher Messnetzwerk

Bis 2050 verschwinden fast 50 Prozent der Gletscher

Matthias Huss betont, dass Gletscher durchaus wieder wachsen könnten, wenn es mehrere schneereiche Winter und weniger heisse Sommer mit genügend Niederschlag gäbe. So sei der Gletscher auf dem Säntis in den 1940er Jahren verschwunden, in den 60ern und 70ern aber wieder gewachsen.

Sollte die Hitzeperiode in der kommenden Woche abrupt enden und in den Bergen Schnee fallen, würde das den Schwund der letzten Monate aber nicht mehr kompensieren, erklärt Huss. «Das würde die Folgen höchstens abmildern.»

Welche Gletscher als nächste komplett schmelzen, kann Huss nicht sagen. 20 bis 30 dürften es im Sommer 2026 sein, hat er zur Nachrichtenagentur Keystone SDA gesagt. Er und seine Kolleg*innen haben errechnet, dass bei einer Erwärmung von 1 bis 2 Grad im Jahr 2050 600 der aktuell noch 1300 Gletscher in der Schweiz verschwunden sein werden. «Das werden vor allem die Kleinsten sein, die schon jetzt nicht mehr viel Masse haben.» Das sei aber das günstigste der realistischen Klimaszenarien, präzisiert Huss. Es könnten also auch noch weniger übrig bleiben.

Bis im Jahr 2100 werden nach den Berechnungen von Glamos 80 Prozent der Schweizer Gletscher komplett abgeschmolzen sein.

Ob der Bella Tola Gletscher 2026 sein letztes Eis verloren hat, wird das Inventar in zwei Jahren zeigen. Doch auch wenn er sich noch über den Rekordsommer 2026 rettet, wird es nicht mehr lange dauern, bis das Eis zwischen dem Turtmanntal und dem Val d’Anniviers geschmolzen ist.


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