Darum geht’s
- Der Booktok-Bestseller «Haunting Adeline» wird verfilmt und löst bereits vor Drehstart heftige Diskussionen aus.
- Fans feiern die düstere Liebesgeschichte, Kritiker*innen warnen vor der Romantisierung von Stalking, sexualisierter Gewalt und Missbrauch.
- Warum der Dark-Romance-Roman Millionen begeistert, eine Petition gegen die Verfilmung gestartet wurde und was Autorin H. D. Carlton zur Kritik sagt.
«‹Haunting Adeline› wird verfilmt», verkündet Autorin H. D. Carlton am 15. Juli auf ihrem Instagram-Account. Details zum Erscheinungsdatum oder zum Cast nennt sie noch keine. 126’000 Mal wird ihr Post geliked, fast 11’000 Mal kommentiert. Der Roman, um den es geht, ist ein Bestseller, berühmt wurde er vor allem durch Booktok, also die Bücher-Community auf Tiktok.
Doch genauso viele, wie sich über die Verfilmung freuen, kritisieren sie auch oder warnen davor. Eine Petition versucht sogar, die Verfilmung zu verhindern
Warum sind dieses Buch und die Verfilmung so umstritten? blue News erklärt die wichtigsten Hintergründe und sagt dir, was du jetzt wissen musst.
Der Roman «Haunting Adeline» (auf Deutsch etwa «Adeline verfolgen») erschien 2021. Geschrieben hat ihn die US-Amerikanerin H. D. Carlton. «Haunting Adeline» erzählt die Geschichte der Schriftstellerin Adeline, die in ein altes Familienanwesen zieht und dort auf die Spuren eines ungelösten Verbrechens aus ihrer Familiengeschichte stösst.
Dabei gerät sie ins Visier von Zade, einem geheimnisvollen Fremden, der sie obsessiv verfolgt, auch dann nicht aufhört, als sie ihm deutlich macht, dass sie sich vor ihm fürchtet, und der ihr Nein überhaupt nicht akzeptiert. Als Adeline sich mit einem anderen Mann trifft, foltert Zade diesen, bringt ihn um und schickt Adeline dessen abgeschnittene Hand.
Gleichzeitig leitet Zade eine Organisation, die Menschenhändler und Pädokriminelle jagt.
Der Roman beginnt schon mit einer ganzen Reihe von Trigger-Warnungen. Unter anderem wird gewarnt vor drastischen Darstellungen von Gewalt, Mord, sexuellen Übergriffen, Vergewaltigung, Stalking, Kinderhandel, Pädophilie und Kinderopferungen sowie Verweisen auf häusliche Gewalt, Sucht und psychische Krankheiten. Es wird empfohlen, das Buch erst ab 18 Jahren zu lesen.
Der Roman wurde in 25 Sprachen übersetzt und soll über 12 Millionen Mal verkauft worden sein. Er wird dem Genre «Dark Romance» zugeordnet.
Was ist «Dark Romance»?
Dark Romance ist ein beliebtes Subgenre von Liebesromanen, das toxische Beziehungen, moralische Grauzonen und düstere Themen wie Machtmissbrauch oder Stalking behandelt.
Der meist weiblichen Hauptfigur wird eine meist männliche Hauptfigur gegenübergestellt, die oft als düster oder gefährlich wahrgenommen wird – zum Beispiel ein Mitglied einer Verbrecher-Bande oder ein Mafia-Boss. Seine weiche Seite offenbart er nur der Protagonistin der Geschichte.
In den letzten Jahren hat Dark Romance durch Plattformen wie Tiktok an Popularität gewonnen. «Autorinnen nutzen das Internet, um traditionelle Grenzen der Liebesromane zu überschreiten und eine breitere Palette an Themen zu erkunden», schreibt etwa das Berliner Institut für Beziehungsdynamik.
Dieses – und viele weitere Expert*innen – kritisieren das Genre: «Ein zentrales Problem bei der Rezeption von Dark Romance ist die Normalisierung und Banalisierung von Gewalt und toxischen Verhaltensmustern», schreibt das Institut auf seiner Website.

Dark-Romance-Inhalte würden häufig intensive, leidenschaftliche Beziehungen darstellen, in denen Machtungleichgewichte und gewaltsame Handlungen als normal oder sogar wünschenswert dargestellt werden. «Diese romantisierte Darstellung kann dazu führen, dass Konsumenten die Schwere von Gewalt in realen Beziehungen herunterspielen oder das Leid von Opfern nicht mehr richtig wahrnehmen.»
Was mögen die Fans an «Haunting Adeline»?
Das Buch hat eine grosse und hingebungsvolle Fanbase. Die Fans feiern die düstere Liebesgeschichte, und viele vor allem die männliche Hauptfigur Zade.
Nach der Ankündigung der Verfilmung häufen sich unter dem Instagram-Video der Autorin Kommentare wie: «Es gibt keinen Mann auf dieser Welt, der Zade spielen könnte – KEINEN!!!! Niemand kann ihn gut genug verkörpern. Niemand kann seinem Charakter gerecht werden.» Oder «Ich bin noch nicht bereit, MEINEN ZADE mit Nicht-Leserinnen zu teilen.»
Eine Userin erklärt ihre Liebe zum Buch und zu Zade auf Tiktok so: «Die Hingabe, die er für Adeline empfindet, ist das, wonach wir uns sehnen.»
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Überraschender mag für viele sein, dass ausgerechnet Überlebende von sexuellem Missbrauch in der Geschichte Trost finden. «Ich komme mit diesen Büchern besser zurecht, und mein Therapeut hat mir sogar Dark Romance empfohlen, um damit umzugehen», schreibt eine Tiktok-Userin unter einem Video, in dem dieser Aspekt angesprochen wird.
Was wird am Roman und an der geplanten Verfilmung kritisiert?
Sehr vieles – vor allem die Verharmlosung von Missbrauch, Vergewaltigung und Stalking unter dem Deckmantel der Romantik. «Missbrauch sollte niemals als Romantik vermarktet werden», fordern die Initant*innen der Petition, die den Film stoppen will.
«Ich habe noch nie so etwas gelesen und ich will nie wieder so etwas lesen», sagt Film-Youtuberin Marina McBain. Sie hat dem «verstörendsten Buch von Booktok», wie sie es nennt, ein ganzes, kritisches Video gewidmet.
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«Dieses Buch bereitet mir solche Sorgen. Menschen lesen das, romantisieren es und wollen es dann mit ihren eigenen Freunden ausprobieren.» Sie spricht hier spezifisch von einer Vergewaltigungsszene, in der eine Waffe vorkommt. Auf Tiktok hat sie Videos von Menschen gefunden, die die Szene nachgespielt haben oder nachspielen wollen.
«‹Haunting Adeline› ist ein Symptom für die zunehmende Verbreitung einer Vergewaltigungskultur», schreibt jemand in einem Reddit-Forum.
Und auch unter dem Instagram-Video, in dem die Autorin die Verfilmung des Buchs ankündigt, hagelt es Kritik. «Sobald daraus ein Film wird, erreicht er ein viel breiteres Publikum – auch Männer. Man stelle sich nur vor, wie Frauen Rezensionen schreiben wie: ‹Der Film ist grossartig› oder ‹Zade ist perfekt›. Das liefert manchen Männern nur noch mehr Gründe, Missbrauch zu rechtfertigen und zu normalisieren. Die Menschen unterschätzen, welch grossen Einfluss die Unterhaltungsindustrie auf die Gesellschaft haben kann.»
Selbst Fans zweifeln an der geplanten Verfilmung. «Ich fand ‹Haunting Adeline› grossartig, bin mir aber nicht sicher, ob sich das gut verfilmen lässt. Als Realverfilmung würde Zade einfach nur wie ein widerlicher Typ wirken, und ich glaube, die Zuschauer würden sich wünschen, dass er stirbt», schreibt jemand auf Reddit. Eine Userin schreibt auf Instagram: «Manche Bücher sollten einfach Bücher bleiben.»
Was sagt die Autorin zu all dem?
H. D. Carlton wird als Executive Producer am Film beteiligt sein, wie sie auf Instagram verrät. Sie verspricht den Fans ihres Buchs, dass keine Szenen gestrichen werden und der Film so explizit sein soll wie die Romanvorlage.
«Das bedeutet nicht, dass sensible Szenen oder Themen nicht respektvoll, geschmackvoll und kunstvoll behandelt werden», betont sie.
In einem weitern Video spricht sie die Kontroverse und die Online-Diskussionen an, die die Film-Ankündigung ausgelöst hat. Sie entschuldigt sich bei allen Leser*innen von Dark Romance, die in den Tagen nach der Ankündigungen viel Hass erlebt hätten.
«Die meisten, die sagen, solche Geschichten sind schädlich, haben keine Qualifikationen, das zu behaupten», sagt sie. «An alle, die sagen, der Film werde dazu führen, dass Männer Frauen missbrauchen: Alles führt dazu, dass Männer Frauen missbrauchen.»
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