Darum geht’s
- blue News feiert am 16. September 2026 das 30-jährige Bestehen.
- Der heutige Axpo-Chef Christoph Brand hat als CEO die Anfänge von blue News (damals the blue window) miterlebt.
- Im Interview blickt er zurück auf den Start zu einer Zeit, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte.
Christoph Brand, wir haben 1996, beim Einwählen ins Internet pfeift und knattert es, die Spice Girls veröffentlichen ihre erste Nummer-1-Single und blue News erblickt als the blue window das Licht der Welt. Woran erinnern Sie sich als Erstes, wenn Sie an diese Zeit zurückdenken?
Christoph Brand: Ich habe beste Erinnerungen an die Anfänge von blue News!
Erzählen Sie.
Die Zeit bei bluewin war ein grosser Teil meines damaligen Lebens. Wir haben für die Firma gelebt und waren wie eine Familie. Wir haben zusammen gearbeitet, wir sind zusammen in den Ausgang, haben gefestet, sind zusammen Essen gegangen. Es war einmalig.
Weshalb?
Das Durchschnittsalter betrug 29 Jahre, wir hatten keine Familien. Es war auch total unhierarchisch, es gab kein Gefälle, kein Dünkel. Es gab das berühmte FAB, das Freitagabendbier: Jeden Freitag gab es im obersten Stock unter anderem Bier, bezahlt von der Firma. Stellen Sie sich das mal heute vor! Aber das hat dazu geführt, dass alle miteinander gesprochen haben, wir hatten keine Gruppenbildungen innerhalb von bluewin. Informatik, Marketing, Redaktion haben jeden Freitag zusammen ein Bier getrunken. Das hat einfach funktioniert. Zu meinen besten Freunden gehören noch heute Menschen aus dieser Zeit.
Christoph Brand ist heute Axpo-CEO
Nikolaus Herzog
Zur Person
Christoph Brand (geb. 1969) war von 1998 bis 2002 CEO von bluewin und prägte den Aufbau des damals führenden Schweizer Internetportals entscheidend mit. Anschliessend übernahm er verschiedene Führungsfunktionen bei Swisscom. Von 2006 bis 2010 war er CEO von Sunrise, danach CEO und Mitinhaber des Softwareunternehmens Adcubum. Zwischen 2012 und 2020 verantwortete er bei der TX Group (damals Tamedia) als CEO von TX Markets unter anderem Ricardo, Homegate, tutti.ch und Jobs.ch.
Seit Mai 2020 ist der Betriebswirt CEO des Energiekonzerns Axpo. Brand studierte Volkswirtschaft an der Universität Bern und absolvierte das Advanced Management Programme am INSEAD.
Ich habe gehört, es soll legendäre Partys im bluewin-Tower gegeben haben.
Oh ja! (lacht). Ich kann für mich in Anspruch nehmen, dass ich das Budget für viele dieser Partys gesprochen habe.
Für uns, die nicht dabei waren: Was ging da ab?
Kein Kommentar! Das fällt alles unter ein Non-Disclosure Agreement (lacht laut). Aber ich kann bestätigen: Die Partys waren legendär.
Euphorie und Dauerparty um die Jahrtausendwende…
Work hard, Party hard. So würde ich die damalige Zeit beschreiben. Wobei ich schon noch ergänzen möchte: Da wurde unheimlich viel gearbeitet.
Was war bluewin damals?
the blue window bestand im Grunde aus drei Geschäftsbereichen. Der erste war der Internetzugang, also das klassische Internetgeschäft. Dafür war ich zunächst verantwortlich. Der zweite Bereich war das Newsportal mit seinen Inhalten. Und der dritte Bereich war E-Commerce. Damals sprach allerdings noch kaum jemand von E-Commerce. Trotzdem war die Idee bereits vorhanden. Wir hatten mit Fleurop auch den ersten Player im Onlinehandel im Angebot. Darauf waren wir stolz. Dieser dritte Bereich ging dann zu Swisscom über.
«Wir haben alle unterschätzt, wie gross das Internet einmal werden würde.»
Bluewin wurde später zu einer der bekanntesten Marken der Schweiz. War Ihnen damals bewusst, woran Sie gerade bauten?
Nein. Wir haben alle unterschätzt, wie gross das Internet einmal werden würde. Das Ausmass konnte niemand abschätzen. Aber die Begeisterung war sehr schnell sehr gross.
Viele hielten das Internet damals für eine Modeerscheinung.
Ja. Wir wurden jahrelang irgendwo zwischen Bedrohung und harmlosen Spinnern verortet.
Die News waren von Beginn weg zentraler Bestandteil. Und das zu einer Zeit, als der Spiegel mit nur zwei Redakteuren die ersten Artikel ins Internet stellte und in der Schweiz der Blick erste Gehversuche im Internet startete. blue News gehört zu den ältesten Online-Portalen der Schweiz. Wie kam es dazu?
Das berühmte Zitat: «Das ist nur eine Modeerscheinung, das geht wieder vorbei» war damals oft zu hören. Wir aber wollten den Menschen interessanten Inhalt anbieten, der sie auf unsere Webseite brachte. So gewannen wir viele Besucherinnen und Besucher und haben gehofft, dadurch Geld verdienen zu können.
Ein Selbstläufer war es trotzdem nicht.
Finanziell haben wir die Ziele vor allem beim News-Thema nicht erreicht. Die Verluste waren immer grösser, als man erwartet hat, die Einnahmen kleiner als erhofft. Wir mussten aber unseren Geldgeber, die Swisscom – also damals noch Telecom PTT – überzeugen, dass sie weiterhin investiert, weil besonders das Internet-Zugangsgeschäft strategisch wichtig war und heute noch ist.
Die Firma ist in dieser Zeit stark gewachsen. Von anfänglich 30 auf über 300 Leute in 5 Jahren. Zudem nahm die Zahl der Internet-Nutzer*innen rasant zu: 1997 waren in der Schweiz 7 Prozent online, ein Jahr später war es bereits jede sechste Person, also rund 17 Prozent.
Ohne Wachstum hätten wir unseren Geldgeber damals nicht überzeugt, das ist klar.
Gab es einen Moment, an dem Sie dachten: Das wird alles grandios scheitern?
Ganz auf der Kippe war es nie. Aber es gab besonders einen heiklen Moment.
Welcher war das?
Das war der Moment, als Peter Rudin das Unternehmen verliess. Peter ist der Urvater von the blue window, er entwickelte mit seiner Firma M.A.C eine erste Vision eines internetähnlichen Portals zusammen mit der damaligen Telecom PTT. Er war eine grosse Integrationsfigur. Als Peter das Unternehmen verliess, drohte das Unternehmen auseinanderzufallen.
«Ich habe Blut geschwitzt!»
Weshalb?
Die Leute hatten Angst, dass der Startup-Groove verloren geht und die damalige Kultur der PTT Einzug hält. Zudem entstanden damals viele neue Tech-Startups, die viel bessere Löhne bezahlen konnten. Es drohte wirklich ein substanzieller Personalverlust.
Christoph Brand im Gespräch mit blue News: «Ich habe Blut geschwitzt».
Nikolaus Herzog
Sie waren 29 und wurden soeben CEO…
Ich habe Blut geschwitzt!
Wie haben Sie das abgewendet?
Entscheidend war der Support einzelner Leute, die mir einen riesigen Vertrauensvorschuss gaben. Sie glaubten daran, dass in der Firma kein miefiger Groove entstehen wird, sondern dass wir zusammen die coole Geschichte weiterschreiben werden. Das hat mich nachhaltig geprägt. Den Leuten einen Vertrauensvorschuss zu geben, ist bis heute ein Führungsprinzip von mir.
1999 warb Boris Becker mit dem legendären Spruch: «Bin ich schon drin?» für einen schnellen und unkomplizierten Internetzugang. Wie reibungslos war das damals bei blue News?
Wir hatten dauernd technische Probleme, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.
Wie hat sich das geäussert?
Viel war zu Beginn unglaublich instabil, Clouds gabs sowieso noch nicht. Es gab Wochen, da hat unser Techniker in der Hängematte im Rechenzentrum neben dem E-Mail-Server geschlafen, um diesen zu resetten, wenn er wieder abgeschmiert ist. Und ich bekam jeweils am Sonntagmorgen um 8 Uhr einen Anruf eines Journalisten: «Herr Brand, mein E-Mail geht schon wieder nicht! Sauhaufen!» (lacht)
Das Callcenter dürfte Sie nicht immer geliebt haben.
Nein. Die Leute dort hatten einen unglaublich harten Job. Es gab wüste Briefe. Leute kamen persönlich vorbei. Einmal musste sogar die Polizei kommen, weil sich einer am Empfang überhaupt nicht mehr gespürt hat.
Gleichzeitig fiel bluewin mit Werbekampagnen auf, die bis heute in Erinnerung geblieben sind.

Wir waren mutiger, der Zeitgeist war mutiger.
Kondome mit dem Slogan: Hardware für offline-Sex.
(Schmunzelt) Ja, das war eines unserer Giveaways, das kam sehr gut an.
Weniger gut kam die Raser-Werbung an. Die schaffte es bis in die Tagesschau im SRF und wurde von Fachleuten scharf kritisiert.
Stimmt, ich erinnere mich! Das war mein damaliger Marketing- und Sales-Chef Marc Werner – heute übrigens CEO von Galenica – sein Team hat die Kampagne gemacht, die schnelles Internet mit Rasen in Verbindung brachte. Das ist gar nicht gut angekommen. Der war rückblickend vielleicht zu provokativ.
Das war nicht die erste Schlagzeile …
Nein. Eine der ersten Schlagzeilen stand in der damaligen Wirtschaftszeitung Cash auf Seite 3. Oben rechts war ein Foto von mir, links davon Bilder der fünf grössten Werbepäpste der Schweiz, die unser Logo verrissen haben. Die Schlagzeile dazu lautete: «Dumm und arrogant» (lacht).
Mit «the blue window» fing alles an.
KEYSTONE
Über blue News
blue News wurde am 16. September 1996 als gemeinsames Projekt der damaligen Telecom PTT und der Zürcher Multimediafirma M.A.C. unter dem Namen the blue window lanciert. Im Jahr 2000 wurde aus the blue window die bluewin AG. Nach der Integration in Swisscom blieb bluewin als Marke bestehen und entwickelte sich zum führenden Schweizer Internetportal. Seit 2020 tritt das Newsportal unter dem Namen blue News auf und ist heute Teil der Markenfamilie blue von Swisscom. Heute zählt blue News zu den grössten kommerziellen Newsplattformen der Schweiz und erreicht monatlich mehrere Millionen Nutzerinnen und Nutzer.
Wie kam das an?
Wir fanden es super. Alle redeten darüber, wir dachten nur: Vielen Dank für die Gratiswerbung. Vielleicht kam auch nicht gut an, dass das Logo von einer Berliner Agentur stammte und nicht von einer Schweizer.
Was war rückblickend Ihr grösster Fehlentscheid?
Leider wohl die Partnerschaft mit dem Medienhaus Tamedia, die ich sehr gepusht habe. Die Idee war auf dem Papier eigentlich gut: Wir hatten viel Traffic, Tamedia viele Inhalte. Auf dem Papier passte das perfekt. In der Praxis funktionierte es aber überhaupt nicht. Wir verstanden damals zu wenig, wie ein Medienunternehmen funktioniert, wir hätten uns alle viel mehr Gedanken machen sollen, wie dann konkret die tägliche Zusammenarbeit funktionieren soll.
Und worauf sind Sie am meisten stolz?
Auf die Kultur, die wir etabliert haben. Sie war der eigentliche Erfolgsfaktor. Und natürlich auf die Marke.
Auf die Marke?
Die Marke war schon damals unglaublich stark, jeder kannte sie. Wir alle haben der Marke richtig gehuldigt, wir waren so stolz. Ich habe später nie mehr erlebt, dass Mitarbeitende eine Marke mit einer solchen Leidenschaft getragen haben.
Videos zum 30-Jahre-Jubiläum
Von 1996 bis 2026 – von «The blue Window» zu blue News
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