Randa schaut erneut zum Berg – auf die Bewohner warten ungewisse Zeiten


Darum geht’s

  • Am Weisshorn oberhalb von Randa VS zeigt ein Hängegletscher derzeit deutliche Bewegungen und wird verstärkt überwacht.
  • Viele Einwohnerinnen und Einwohner erinnern sich noch genau an die gewaltigen Bergstürze von 1991, die das Landschaftsbild bis heute prägen.
  • Im Dorf herrscht dennoch keine Panik: Die Bevölkerung lebt mit Respekt vor dem Berg – aber auch mit viel Erfahrung und Vertrauen in die Überwachung.
Zusammenfassung erstellt mit

Die Felsblöcke liegen noch immer dort. Manche sind so gross wie Häuser. Zwischen den Lärchen oberhalb von Randa im Kanton Wallis wirken sie inzwischen fast so, als gehörten sie schon immer zur Landschaft.

Doch jeder einzelne erzählt dieselbe Geschichte.

1991 stürzten in mehreren Etappen Dutzende Millionen Kubikmeter Fels ins Tal. Seit einigen Tagen richten sich die Blicke im Dorf nun wieder nach oben. Diesmal kommt die Gefahr von einer anderen Stelle: Der Hängegletscher Ost am Weisshorn zeigt deutliche Bewegungen. Die Überwachung wurde intensiviert, Teile des Gebiets sind gesperrt.

Im Dorf selbst geht das Leben weiter. Doch wer 1991 miterlebt hat, schaut heute anders auf den Berg.

«Eine Staubwolke wie bei einer Atombombe»

Edgar ist 21 Jahre alt, als 1991 der Berg ins Rutschen gerät. Er befindet sich damals mit seinem jüngeren Bruder auf einer Alp auf der gegenüberliegenden Talseite. Mit dabei: eine Videokamera.

«Ich sah immer wieder Felsbrocken herunterkommen», erzählt er blue News. Irgendwann habe er zu seinem Bruder gesagt: «Jetzt, jetzt passiert etwas.»

Dann gibt der Berg nach.

Im Jahr 1991 stürzten in mehreren Etappen Dutzende Millionen Kubikmeter Gestein den Berg hinab. Die letzten Geröllhalden sind noch immer zu sehen.

Im Jahr 1991 stürzten in mehreren Etappen Dutzende Millionen Kubikmeter Gestein den Berg hinab. Die letzten Geröllhalden sind noch immer zu sehen.

blue News

«Es war wie in einer Badewanne, wenn das Wasser abfliesst. Plötzlich kam der ganze Berg herunter.» Millionen Kubikmeter Fels donnern vor ihren Augen ins Tal. «Es gab eine Staubwolke wie bei einer Atombombe. Ich dachte: Das kommt bis zu meiner Hütte, bis zu meiner Alp.»

So weit kommt es nicht. Doch der Lärm hört nicht auf. «Die ganze Nacht hörte man: Es kommt, es kommt, es kommt.» Die Aufnahmen, die Edgar damals macht, werden später auch von Fernsehsendern verwendet.

Die Spuren der Katastrophe liegen bis heute direkt vor seinen Füssen. Edgar zeigt auf eine Stelle, die heute vollständig von Felsbrocken bedeckt ist. Vor 1991 habe sich dort eine rund 80 Meter tiefe Schlucht befunden. Heute ist davon nichts mehr zu sehen.

«Wenn ich hier vorbeikomme, denke ich manchmal: Verdammt, dort unten bin ich früher fischen gegangen.»

Edgar

Einwohner von Randa VS

Wie durch ein Wunder kommt bei den Bergstürzen niemand ums Leben. Die Landschaft verändert sich jedoch grundlegend. Einige Wochen später entsteht durch die Geröllmassen eine weitere Gefahr: Wasser staut sich und überschwemmt Teile von Randa.

Cornelia erinnert sich ebenfalls daran. Sie ist damals noch ein Teenager. Cornelia ist in Randa geboren, ihr Vater ebenfalls hier aufgewachsen. «Als Teenager erlebt man so etwas völlig anders», erinnert sie sich.

Die Schulen werden geschlossen. Für die Jugendlichen bedeutet das zunächst: kein Unterricht. Später steht ein Teil des Dorfes unter Wasser. «Wir konnten mit dem Boot durch das Dorf fahren. Für uns war das – man muss es leider sagen – irgendwie cool.»

Die Beschilderung ist angebracht. Manche Besucher*innen erfahren erst vor Ort von der Situation.

Die Beschilderung ist angebracht. Manche Besucher*innen erfahren erst vor Ort von der Situation.

blue News

Heute lächelt sie fast entschuldigend darüber. «Wenn wir zehn Jahre älter gewesen wären, hätten wir das sicher anders erlebt.» Denn hinter dem Abenteuergefühl der Jugendlichen steckt eine reale Katastrophe. Häuser verschwinden, ein vertrauter Teil der Landschaft wird verschüttet.

«Für unsere Eltern war das ein Schock.»

35 Jahre später bewegt sich der Berg erneut. Diesmal kommt die Gefahr vom Weisshorn

Seit mehreren Wochen wird der Hängegletscher Ost am Weisshorn verstärkt überwacht. Nachdem sich die Bewegungen beschleunigt hatten und sich im instabilen Bereich mehrfach Eis löste, wurde die Überwachung nochmals verschärft.

Keine Panik. Die Autos fahren vorbei. Die Einwohner gehen ihrer Arbeit nach. Die roten Züge setzen ihre Fahrt fort.

Keine Panik. Die Autos fahren vorbei. Die Einwohner gehen ihrer Arbeit nach. Die roten Züge setzen ihre Fahrt fort.

blue News

Das bislang abgestürzte Material blieb auf einem tiefer gelegenen Gletscherplateau liegen. Mehrere Bereiche sind für Wandernde und Velofahrende gesperrt.

Entscheidend ist aber: Nach aktuellem Stand gelten die Häuser in Randa nicht als gefährdet. Das merkt man im Dorf.

Keine Sirenen. Keine Evakuierung. Keine Panik. Autos fahren vorbei, die Menschen gehen ihrer Arbeit nach, die roten Züge der Matterhorn-Gotthard-Bahn rollen weiter Richtung Zermatt.

Cornelia wusste bis vor Kurzem nicht einmal, dass der Bereich bereits seit Jahren beobachtet wird. «Ich habe erst gestern in den Nachrichten erfahren, dass sie das schon lange überwachen.»

Sie blickt hinauf. «Es ist dort. Eigentlich gar nicht so weit weg. Und für uns trotzdem weit weg.»

«Vielleicht nehmen wir es zu gelassen.»

Cornelia

Einwohnerin von Randa VS

Die Katastrophe von Blatten hat das Wallis geprägt. Sobald sich irgendwo ein Berg bewegt, kommt der Vergleich schnell.

Doch die Situation in Randa ist eine andere. Der instabile Gletscher liegt sehr hoch, darunter befindet sich ein Gletscherplateau. Die bisherigen Simulationen zeigen nicht, dass eine Eislawine das Dorf erreichen könnte.

Der Gletscher könnte Stück für Stück zerfallen. Möglich ist aber auch, dass sich eine grössere Masse auf einmal löst.

Cornelia macht sich unten im Dorf trotzdem keine grossen Sorgen. «Es ist sehr ruhig hier. Die Leute haben eigentlich keine Angst.» Dann schiebt sie nach: «Vielleicht nehmen wir es zu gelassen, ich weiss es nicht. Aber wir haben schon so viel erlebt, dass wir auch Vertrauen haben.»

Die Einwohner*innen erkennen den Berg am Geräusch

Cornelia erzählt von etwas, das für Menschen von ausserhalb ungewöhnlich klingt, für sie aber fast alltäglich ist. Nachts sieht sie die Hänge zwar nicht, aber sie hört sie.

Irgendwo löst sich ein Stein. Dann weiss sie ungefähr, woher das Geräusch kommt. «Irgendwann hat man den Klang im Ohr. Man weiss, ob es von dort kommt oder von woanders.»

Cornelia vor ihrem Haus. «Expertinnen und Journalisten reden viel über die Gefahr», sagt Cornelia. «Aber für die Menschen, die hier leben, ist es einfach ihr Zuhause.»

Cornelia vor ihrem Haus. «Expertinnen und Journalisten reden viel über die Gefahr», sagt Cornelia. «Aber für die Menschen, die hier leben, ist es einfach ihr Zuhause.»

blue News

Was genau heruntergekommen ist, lässt sich dadurch natürlich nicht erkennen. Doch das Geräusch gehört zum Leben im Dorf. «Wir leben in den Bergen. So ist das einfach.»

Edgar beschreibt sein Verhältnis zur Natur fast gleich. «Wenn Felsbrocken so gross wie Autos herunterkommen, schaue ich hin. Das ist beeindruckend.» Dann wird er ernst. «Ungefährlich ist es nicht. Man muss Respekt haben.»

Und in wenigen Worten fasst er zusammen, wie die Menschen hier mit dem Berg leben: «Respekt ja. Angst nein.»

«Ich hoffe, es passiert vor dem ersten Schnee»

Auch Cornelia empfindet so. Die aktuelle Situation macht ihr keine grosse Angst. Ein Szenario beschäftigt sie aber: wenn ein grösserer Abbruch erst im Winter käme. «Ich hätte Angst, wenn das im Winter passiert.»

Liegt viel Schnee auf den Hängen, könnte ein Absturz eine Staublawine auslösen. Und Staublawinen kennen die Menschen in Randa. Edgar erinnert sich an den vergangenen Winter: «Da war wieder alles weiss. Die Fenster waren zugedeckt.»

Am Montag kam es in dem instabilen Bereich des Hängegletschers am Ost-Weisshorn zu mindestens drei Geröllabgängen.

Am Montag kam es in dem instabilen Bereich des Hängegletschers am Ost-Weisshorn zu mindestens drei Geröllabgängen.

blue News

Cornelia sagt es noch klarer: «Vor Staublawinen, ja, davor hat man Angst.»

Deshalb formuliert sie leise einen Wunsch: Wenn ein Teil des Gletschers ohnehin herunterkommen sollte, dann lieber noch vor dem Winter. «Ich hoffe, es passiert vor dem ersten Schnee.»

Tourist*innen erfahren erst am Wanderweg von der Gefahr

Während die Einheimischen mit einer fast instinktiven Selbstverständlichkeit über den Berg sprechen, erfahren manche Besucher*innen erst vor Ort, was über ihnen geschieht.

blue News trifft zunächst eine Wanderfamilie aus Tschechien, später ein Paar aus Polen. Beide Gruppen wollen loswandern. Niemand hat zuvor vom instabilen Gletscher oder von den Sperrungen gehört.

Als sie davon erfahren, holen sie sofort ihre Handys hervor und suchen nach Informationen.

Ihre Route müssen sie wohl ändern. Mehrere Bereiche am Hang sind als rote Zone gesperrt. Das Dorf selbst liegt dagegen in der gelben Zone und kann weiterhin problemlos besucht werden.

Noch wenige Minuten zuvor waren die Tourist*innen Richtung Berg unterwegs – ohne zu wissen, was sich Tausende Meter über ihren Köpfen abspielt.

«Man muss auf die Alten hören»

Seit 1991 hat sich etwas Entscheidendes verändert: Heute wird der Berg vermessen. Instrumente registrieren die Bewegungen des instabilen Bereichs. Beschleunigungen können erkannt und analysiert werden. «Heute hast du dort oben so viele Sensoren. Jeder Millimeter wird registriert», sagt Edgar. Früher sei das anders gewesen.

«Da hattest du einfach das Geräusch. Und dann hast du gesagt: Aha, da ist wieder etwas heruntergekommen.» Doch moderne Technik ersetzt in Randa nicht vollständig das Wissen, das über Generationen weitergegeben wurde. Edgar erzählt von seinem Grossvater. Der habe Bäche, Regen und Murgänge lange vor Radar und GPS genau beobachtet. «Mein Grossvater wusste schon, dass bestimmte Dinge immer wieder passieren. Ganz ohne all diese Daten.»

Im Dorf: Keine Sirenen. Keine Evakuierung. Keine Panik.

Im Dorf: Keine Sirenen. Keine Evakuierung. Keine Panik.

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Edgars Fazit: «Man muss auf die Alten hören. Die wissen so viel.»

Cornelia macht sich keine Illusionen. Niemand wisse, wie sich der Gletscher in den nächsten Wochen, Tagen, Stunden verhalte. «Die Natur ist stärker. Sie ist unberechenbar.» Dann zuckt sie mit den Schultern. «Wir werden sehen. Es kommt, wie es kommt.»

Der Berg gehört hier zur Landschaft, zum Alltag und zur Geschichte. Die Menschen beobachten ihn, hören ihm zu und lernen seine Zeichen kennen – ohne zu vergessen, dass er sein Gesicht innerhalb weniger Augenblicke verändern kann.

35 Jahre nach 1991 leben die Menschen in Randa nicht in Angst. Sie leben mit Erinnerung, Wachsamkeit und jenem fast instinktiven Respekt, der hier von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Den Rest entscheidet der Berg. Und die Zeit.

Walliser Gemeinde Randa erhöht Warnstufe nach Gletscherabbrüchen

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