«Novak brauchte Angst und Wut – Liebe nahm ihm seinen Biss»


So wurde Djokovic zum Besten aller Zeiten

Novak Djokovic bricht alle Rekorde im Tennis, lässt das Publikum aber oft gespalten zurück. Die neue Dokumentation «Der Wolf im Winter» sucht nach den Ursprüngen seiner unbändigen Energie – und findet sie in Traumata, Wut und dem serbischen Trotzprinzip «Inat».

Darum geht’s

  • Djokovics Wut und sein serbischer «Inat» werden als zentrale Triebkräfte seiner aussergewöhnlichen Karriere gezeigt.
  • Die Doku beleuchtet offen seine Schattenseiten und erklärt, warum die Tennis-Legende bis heute so polarisiert.
  • Im Karrierewinter ringt Djokovic mit dem Rücktritt, seinen Familienverpflichtungen und dem Gefühl, dass seine Erfolge nie genug sind.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Novak Djokovic ist ein grandioser Sportler. Ein Athlet von einem anderen Stern. Der Beste Tennisspieler aller Zeiten. Zahlen lügen nicht. Doch ist er auch der Grösste? Für Grösse braucht es mehr als nur nackte Zahlen. Während Federer und Nadal ein Saubermann-Image pflegten, war «Nole» immer ein Gegenpol.

Und doch eiferte er den beiden Giganten in seiner Karriere immer wieder hinterher: Sprach Federer viele Sprachen und glänzte als Rhetoriker, konterte Djokovic mit noch mehr Sprachen. Hatten Federer und Nadal ihr eigenes Logo, zog Djokovic nach. Engagement in der Spielergewerkschaft? Nole gründete gleich seine eigene. Nun wiederholt sich das Spiel ein weiteres Mal: Nachdem Federer und jüngst auch Nadal ihre eigenen Dokumentationen vorlegten, zieht der Serbe nach. Denn abseits dieses Drangs nach Bestätigung war er auch immer der Provokateur:

Er demolierte Mobiliar in Wimbledon, schoss in New York eine Linienrichterin mit einem Ball ab und imitierte hochdekorierte Spielerkollegen in aller Öffentlichkeit. Auch auf dem Platz liess er sich – laut Gegner – bei gefühlt jedem kleinen Formtief medizinisch behandeln, zerriss sein T-Shirt im Stile von «Hulk» nach einem Sieg über einen Underdog und legte sich regelmässig mit Publikum, Schiedsrichter oder dem eigenen Team an.

Auch neben dem Platz kam es zu zahlreichen Eklats: Mitten in der Corona-Pandemie organisierte er eine Tennis-Tour ohne jegliche Sicherheitsmassnahmen, löste heftige Diskussionen aus mit politischen Aussagen über den Kosovo, verbreitete pseudowissenschaftlichen Weisheiten über «die Reinigung der Molekularstruktur von Wasser durch positive Gedanken» und spaltete die Tenniswelt mit der Gründung einer alternativen Spielergewerkschaft, die er sechs Jahre später wieder verliess.

Zusammengefasst: es gab nicht wenige Gründe, um sich bei Novak Djokovic zu fragen: «Wieso ist er so, wie er ist?».Der neue Film «Der Wolf im Winter» gibt darauf eine Antwort.

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Die Dokumentation von Erfolgsregisseur Jason Hehir («The Last Dance») zeigt ungeschönt: Djokovic ist eine Figur voller Widersprüche, getrieben von einem inneren Feuer, das ebenso faszinierend wie verstörend ist.

Der Titel des Films kommt nicht von ungefähr. Im balkanischen Volksglauben steht der Wolf für Furchtlosigkeit und geistige Stärke, er gilt gar als Nationaltier Serbiens. Und genauso bewegt sich Novak Djokovic durch seine Karriere: als Einzelgänger, der aus Widerstand seine Energie zieht. Seine Ehefrau Jelena bringt es im Film auf den Punkt: «In ihm brennt Wut. Eine Wut, deren Ursprung tief in den Kriegserlebnissen seiner Kindheit wurzelt.»

Trotz als Treibstoff: Das Prinzip «Inat»

Wer verstehen will, warum Djokovic die Tenniswelt so nachhaltig spaltet, muss genau dort hinblicken. Denn im Zentrum des Films – und im Zentrum von Djokovics gesamter Existenz – steht ein einziges Wort: «Inat». Es ist diese tief verwurzelte serbische Geisteshaltung des trotzigen Widerstands nach dem Motto «Jetzt erst recht». Oder wie es sein Physiotherapeut Miljan Amanovic etwas plump erklärt: «Ihr könnt mich töten, aber scheiss auf euch und eure Bomben! Das ist Inat.»

Novak Djokovic an den US Open 2005.

Novak Djokovic an den US Open 2005.

EPA

Als das Geld für die Tenniskarriere fehlte, gingen Djokovics Eltern All-In und liehen sich Geld von kriminellen Kredithaien. Mit 13 Jahren zog der Serbe alleine nach Deutschland in die Akademie von Niki Pilic. Der Vater gab ihm den knallharten Satz mit auf den Weg: «Wenn du dich nicht reinhängst, bist du raus.» «Ich musste mit 13 plötzlich erwachsen sein», erinnert sich Djokovic im Film. Ihm fehlte der Raum, seine Emotionen altersgerecht auszuleben – der Platz wurde zu seinem einzigen Ventil. Seine Akribie und das Streben nach Langlebigkeit wurden ihm zwar schon von seiner ersten Trainerin Jelena Gencic eingeimpft, die ihm mit zehn Jahren klassische Musik, Atemtechniken und Ganzheitlichkeit näherbrachte. Doch die Wut blieb sein stärkster Treibstoff.

Agassis perfekte Analyse über Djokovics Seele

Auffallend ist, dass die Doku zwar voller wohlwollender Stimmen aus seinem unmittelbaren Umfeld steckt, grosse Rivalen oder Weggefährten wie Federer, Nadal, Murray oder Ex-Trainer Becker aber kaum bis gar nicht zu Wort kommen. Stattdessen dominiert ein Ausnahmekönner die Analyse: Andre Agassi. Und Agassi liefert den wohl treffendsten, ausdrucksstärksten Satz des gesamten Films: «Ich war überrascht, wie viel Dunkelheit er fühlen musste, um alles aus sich rauszuholen. Er brauchte Angst und Wut. Liebe nahm ihm seinen Biss.»

Es ist ein Satz von enormer Wucht. Und dass Djokovic, der bei diesem Doku-Projekt zweifellos Mitspracherecht hatte, diese Aussage im Film belässt, zeugt von bemerkenswertem Rückgrat. Zwar neigt er an einigen Stellen – etwa beim Rückblick auf das Impf-Drama der Australian Open 2022 – erneut dazu, sich spürbar in die Opferrolle zu begeben. Doch im selben Atemzug lässt er einen tiefen, fast schon intimen Blick in seine Schattenseiten zu. Er gibt offen zu, wie sehr er diese Dunkelheit brauchte, um die Festung «Fedal» überhaupt knacken zu können. Ein mutiger, würdevoller Zug, der zeigt: Er steht zu seinen Dämonen.

Gleichzeitig übersieht die Dokumentation nicht das ganz spezielle, dick aufgetragene Pathos, das Novak Djokovic seit jeher begleitet. Hehir inszeniert den Serben mit einer feinen Prise Selbstironie – oder zumindest mit dem bewussten Zulassen djokovicscher Eigenheiten. Wenn der Film mit einem Wolfsgeheule einsetzt und schliesslich auch so endet, schrammt diese Symbolik haarscharf an der Grenze zum Fremdschämen vorbei. Es ist eine faszinierende Mischung aus skurrilem Humor, archaischem Selbstdarstellungsdrang und unverschämter Glaubwürdigkeit. Genau dieses theatralische Pathos gehört untrennbar zu Marke und Mythos «Nole».

Der Kampf gegen die eigene Vergänglichkeit

Schliesslich verwebt Hehir diese Psychologie mit der drängendsten Frage der Gegenwart: Wie geht es zu Ende? Denn Djokovic befindet sich nicht mehr im Herbst, sondern unübersehbar im Winter seiner Karriere. Das Thema des Rücktritts – das Feilschen um den richtigen Zeitpunkt, der schmerzhafte Kontrast zwischen dem erlösenden Olympiasieg und bitteren Momenten wie Verletzungsaufgaben vor ausbuhendem Publikum – zieht sich wie ein roter Faden durch die Doku.

Der «Wolf im Winter» kämpft heute nicht mehr nur gegen die Rivalen auf dem Platz, sondern gegen die eigene Vergänglichkeit und den inneren Gewissenskonflikt. Abseits des Courts zeigt er sich extrem nahbar und fürsorglich. Mit seinen eigenen Kindern lebt er die Kindheit nach, die ihm selbst geraubt wurde. «Jedes Mal, wenn ich meine Familie verlassen muss, fühle ich mich schuldig», gesteht er.

Jelena und Novak Djokovic an den Laureus Awards 2024.

Jelena und Novak Djokovic an den Laureus Awards 2024.

sda

Und doch kann er nicht loslassen. Seine Frau Jelena bringt das bittersüsse Paradoxon seines Lebens am Ende auf den Punkt: «Er trägt diese Last, das Gefühl zu haben, dass was immer er auch tut, es niemals genug sein wird.» Wäre Novak Djokovic nicht besser gewesen als Federer und Nadal, hätten die Leute ihn vielleicht mehr geliebt. Doch ohne seinen unerbittlichen «Inat» wäre er nie dieser Titan geworden.

«Ich bin mein grösster Zweifler», sagt Djokovic ganz zum Schluss selbst – ehe der Film mit jener Dosis Pathos endet, die irgendwo zwischen Schmunzeln und Kopfschütteln schwankt: einem inbrünstigen Wolfsgeheule. «Auuuuuuuuu!»

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