3 Angriffe analysiert
Eine Chemiefabrik gleich hinter der Grenze, ein wichtiger Hafen am Schwarzen Meer und das grösste Logistikzentrum in Moskau: In ganz verschiedenen Teilen von Russland landen ukrainische Streitkräfte schwere Treffer. Kiew ist unter anderem dank Masse erfolgreich – und setzt wie auch der Kreml vermehrt auf den Einsatz schneller Jet-Drohnen.
Darum geht’s
- Die Analyse beleuchtet drei aktuelle ukrainische Luftangriffe: auf ein Wildberries-Lager in Moskau, eine Chemiefabrik in Kamensk-Schachtinski und den Schwarzmeerhafen Noworossijsk.
- Verschiedene Faktoren tragen zu Kiews Erfolg bei: In Moskau setzt Kiew auf Masse, bei der Chemiefabrik auf schnelle Raketen und in Noworossijsk auf einen Mix aus Raketen und Jet-Drohnen.
- Jet-Drohnen schicken sich an, ihre langsameren Vorgänger abzulösen. Auch Russland stellt um, doch es hapert wegen der Sanktionen an Komponenten für die Herstellung.
Die Attacke am frühen Morgen des 16. August ist massiv: «Heute Nacht war die Region Moskau von einem der massivsten Drohnenangriffe der letzten Zeit betroffen«, schreibt Andrei Jurjewitsch Worobjow auf Telegram.
«Im Laufe der Nacht haben Luftabwehrkräfte und elektronische Kampfsysteme 187 Drohnen abgeschossen und ausser Gefecht gesetzt», fährt der Gouverneur des Oblast Moskau fort. «In Podolsk kam es durch den Einschlag eines Drohnenangriffs zu einem Brand im Lager der Firma Wildberries auf dem Gelände des Industrieparks Koledino.»
Es ist ein enormer Brand, den die ukrainischen Drohnen auslösen. Das lokale Logistikzentrum ist mit rund 250’000 Quadratmetern das grösste im ganzen Land. Waren im Wert von hunderten Millionen gehen in Rauch auf: Aus der Ferne wirkt es, als sei ein Vulkan ausgebrochen – siehe auch Video ganz oben.
Wildberries ist nicht das einzige Ziel von Kiews Drohnen in der Region Moskau: In Domodedowo, 37 Kilometer südlich der Hauptstadt, steht ein Logistikzentrum in Brand. Gouverneur Worobjow bestätigt Schäden an einem «Medikamentenlager».
Die Masse macht’s
Bleibt die Frage: Wie ist es Kiews Streitkräften gelungen, in der Nähe der Hauptstadt derart zuzuschlagen, obwohl die Luftabwehr in Moskau immer wieder ausgebaut worden ist? Es gibt mehrere Gründe: Zum Beispiel helfen Täusch-Drohnen, KI-Steuerung – oder schiere Masse.
So schreibt Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin auf Telegram, zwischen dem 15. und 16. August seien insgesamt 600 ukrainische Drohnen in Richtung der Metropole geflogen, von denen 201 abgeschossen worden seien. Sie haben ihre Ziele aus drei Richtungen angegriffen und den ersten sowie den zweiten Verteidigungsring Moskaus passieren können.
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Um der Gefahr solcher Drohnen-Attacken zu begegnen, hat der Kreml Dutzende Flugabwehrtürme in Moskau installieren lassen. Sie wurden mit dem Luftabwehrsystem Panzir-S1M bestückt, wie im unten stehenden Post zu sehen ist. Neben 30-Millimeter-Kanonen verfügen sie über acht Kurzstrecken-Raketen vom Typ TKB-1055.
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Offenbar ist das nicht ausreichend, wenn Kiew mit einem Schwarm von 600 Drohnen angreift.
Angriff auf gut geschützte Chemiefabrik
Ein anderer bemerkenswerter Luftangriff findet am 16. August in Kamensk-Schachtinski statt. Die Stadt liegt im Oblast Rostow-am-Don und ist nur 17 Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt. Das Ziel von angeblich 150 ukrainischen Drohnen ist in diesem Fall das Kamensky-Kombinat: In der Chemiefabrik werden Munition sowie Treibstoffe für Raketensysteme hergestellt.
Die Anlage ist zuletzt am 20. Dezember 2024 mit Marschflugkörpern vom Typ Storm Shadow attackiert worden, doch trotz der Nähe zur Front gab es seither keine Angriffe. Das liegt wohl an der starken Luftabwehr: Panzir- und S-300-Systeme beschützen das Kombinat. Bis zum 16. August.
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Neben der Fabrik wird bei dem jüngsten Angriff nämlich auch die Luftabwehr getroffen. Auch Drohnennetze erweisen sich als wirkungslos. YouTuber Suchomimus spekuliert, Kiew habe die neue Drohne Nyan eingesetzt, die einen Düsenantrieb und eine Reichweite von 250 bis 500 Kilometern hat. Ihr Vorteil: Sie ist auf dem Radar nur schwer zu erkennen.
Schnelligkeit als Schutz
Das stimmt allerdings nicht: Kiews Marine teilt mit, sie habe bei dem Angriff den Marschflugkörper R-360 Neptune eingesetzt. Das ursprünglich als Antischiffsrakete konzipierte Geschoss trägt einen Sprengkopf von 150 Kilogramm ins Ziel. Seine Geschwindigkeit von rund 900 km/h macht das Abfangen für die Russen schwierig.
Schnelligkeit ist ein weiterer Trumpf im Luftkrieg: Je schneller eine Drohne im Tiefflug über ein Gebiet fliegt, desto kürzer ist das Zeitfenster, in dem sie abgeschossen werden kann. Diesen Trumpf spielt Kiew auch am 12. August aus, als der Schwarzmeer-Hafen Noworossijsk ins Visier genommen wird.
Bei dieser Attacke kommen angeblich 900 km/h und 700 km/h schnelle Jet-Drohnen der Typen Paljanyzja und Peklo zum Einsatz – neben der R-360 Long Neptune, deren Sprengkopf 260 Kilogramm umfasst. Bei der Attacke werden vier Kriegsschiffe getroffen, aber auch die beiden Anlagen für den Getreideexport, der dort seither zum Erliegen gekommen ist.
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Die Faktoren für die erfolgreichen ukrainischen Luftangriffe sind also vielfältig: Neben der reinen Masse ist auch eine gewisse Tarnfähigkeit wie bei der britischen Nyan-Drohne wichtig. Ihre Bedeutung zeigt sich darin, dass Moskau London wegen dieses Exports am 17. August offiziell warnt.
Was Moskaus Jet-Drohnen ausbremst
«Londons Vorgehen wird unweigerlich Konsequenzen nach sich ziehen, für die es Rechenschaft ablegen muss», zitiert der «Guardian» die russische Botschaft. «Je tiefer es in den Konflikt verwickelt ist und je grösser seine Unterstützung für Kiews Terrorapparat ist, desto höher wird der Preis sein, den es dafür zahlen muss.»
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Ein weiterer Faktor ist die Schnelligkeit moderner Jet-Drohnen, die sich anschicken, ihre langsameren Vorgänger abzulösen. Das hat natürlich auch der Kreml erkannt – und setzt auf neue Versionen seiner Drohnen Geran und Banderol, die angeblich mit chinesischen Düsentriebwerken versehen sind. Sie erreichen 600 bis 700 im/h, weiss das Portal RBC-Ukraine.
«Dieser Wandel [hin zu Jet-Drohnen] findet bereits statt», erklärt Anton Zemlianyi von der Kiewer Denkfabrik Ukrainian Security and Cooperation Centre dem ukrainischen Portal. «Die Russen bauen zunehmend die Massenproduktion von Düsen-Drohnen und Raketen-Drohnen aus und setzen sie immer häufiger bei Angriffen auf ukrainisches Gebiet ein.»
Moskau habe jedoch Probleme, wegen der Sanktionen die Komponenten für die Produktion zu bekommen, führt der Experte aus: «Eine ganze Reihe von Faktoren» würden die Massenproduktion einschränken. «Im Moment geht es vor allem um die Triebwerke. Das sind Strahltriebwerke, und die sind teurer. Das Gleiche gilt für die Verbundwerkstoffe, aus denen die Drohne selbst hergestellt wird.»
Seedrohne setzt Kampfroboter am Ufer ab
Die Ukraine zeigt in einem Video, wie eine Seedrohne einen Kampfroboter auf der russisch besetzten Kinburn Nehrung absetzt.
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