Warum der Prozess gegen Lindsay Clancy weit über den Gerichtssaal hinausgeht


Darum geht’s

  • Seit Ende Juli steht die ehemalige Krankenschwester Lindsay Clancy in Massachusetts vor Gericht, weil sie im Januar 2023 ihre drei Kinder getötet haben soll.
  • Während die Staatsanwaltschaft von einer geplanten Tat ausgeht, argumentiert die Verteidigung, Clancy sei wegen einer schweren postpartalen Psychose nicht schuldfähig gewesen.
  • Der Fall löst auch online heftige Spekulationen aus, vor allem ihr Ex-Mann und Vater der drei Kinder gerät ins Kreuzfeuer.
Zusammenfassung erstellt mit

Seit Ende Juli steht Lindsay Clancy im US-Bundesstaat Massachusetts vor Gericht. Der heute 35-Jährigen wird vorgeworfen, im Januar 2023 ihre drei Kinder getötet zu haben.

Der Fall erschüttert die USA nicht nur wegen der Tragödie selbst. Er hat auch eine hochemotionale Debatte über psychische Erkrankungen rund um Schwangerschaft und Geburt entfacht. Der «Guardian» bezeichnete den Prozess als «Amerikas traurigste Mordverhandlung».

blue News erklärt, was über den Fall bekannt ist und weshalb er juristisch wie emotional aussergewöhnlich komplex ist:

Am Abend des 24. Januar 2023 schickte Lindsay Clancy ihren damaligen Ehemann Patrick Clancy zunächst in eine Apotheke, um Medikamente abzuholen. Anschliessend sollte er noch Essen besorgen. Als er nach seiner Aussage circa 25 Minuten später in das gemeinsame Haus in Duxbury, im US-Bundesstaat Massachusetts, zurückkehrte, sei es darin ungewöhnlich still gewesen.

Im Schlafzimmer fand Patrick Clancy Blutspuren und ein geöffnetes Fenster. Draussen, unterhalb des Fensters im zweiten Stock, entdeckte er seine schwer verletzte Frau.

Patrick Clancy, der Ex-Mann von Lindsay.

Patrick Clancy, der Ex-Mann von Lindsay.

AP Pool The Boston Herald

Sie hatte sich nach Angaben aus dem Prozess zuvor Schnittverletzungen an Hals und Handgelenken zugefügt und war anschliessend aus dem Fenster gesprungen. Der Sturz führte dazu, dass sie bis heute querschnittsgelähmt ist und im Rollstuhl sitzt.

Patrick Clancy wählte daraufhin den Notruf. Zunächst sagte er dem Disponenten, seine Frau habe versucht, sich das Leben zu nehmen. Gleichzeitig versuchte er, Lindsay Clancy wach zu halten. «Lindsay, was hast du getan?», ist er laut Prozessberichten zu hören. «Wo sind die Kinder, Lindsay?»

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Vor Gericht sagte Patrick Clancy, seine Frau habe ihm geantwortet, die Kinder seien im Keller. Sie habe jedoch nicht erwähnt, dass sie verletzt seien oder dringend Hilfe bräuchten.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs ist zu hören, wie Patrick Clancy dem Disponenten sagt: «Ich muss nach meinen Kindern sehen.» Seine Schritte sind zu hören, während er offenbar das Haus durchsucht. Kurz darauf schreit er: «Ich brauche sofort Hilfe im Keller … Sie hat die Kinder getötet.»

Der Anklage zufolge strangulierte Lindsay Clancy ihre Kinder mit Fitnessbändern. Cora (5) und Dawson (3) starben noch im Haus. Callan (8 Monate) wurde in ein Spital gebracht, erlag seinen Verletzungen aber drei Tage später.

Wie soll es zur Tat gekommen sein?

Lindsay Clancy arbeitete als Krankenschwester, zuletzt im Kreisssaal und in der Geburtshilfe am Massachusetts General Hospital. Im Dezember 2016 heirateten Lindsay und Patrick.

«Sie war eine lebensfrohe, liebevolle Ehefrau und Mutter», sagte Susan Clancy, Patrick Clancys Mutter, vor einer Grand Jury über Lindsay Clancy. «Sie liebte ihre Kinder und war eine fürsorgliche Mutter, die immer lächelte.»

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Doch Lindsay Clancy soll auch psychisch krank sein. Und genau das ist der Dreh- und Angelpunkt des Prozesses: War die Tötung ihrer Kinder ein klug eingefädelter Plan oder ist sie aufgrund ihrer psychischen Erkrankung nicht zurechnungsfähig?

Vor der Tötung ihrer drei Kinder soll Lindsay Clancy über Monate hinweg psychisch stark belastet gewesen sein. Im Prozess wurde von mehreren Zeuginnen geschildert, dass die damals 32-Jährige unter massiver Schlaflosigkeit, Erschöpfung, Angstzuständen und emotionaler Taubheit litt.

Einer Familientherapeutin sagte sie, sie fühle sich «wie ein Zombie»; einer Freundin berichtete sie, ein Medikament löse bei ihr «dunkle Gedanken» aus.

Clancy suchte laut Zeugenaussagen wiederholt medizinische Hilfe und sprach auch über Suizidgedanken. In den Monaten vor der Tat wurden ihr laut Gericht 13 verschiedene psychiatrische Medikamente verschrieben.

Am 1. Januar 2023 liess sich Lindsay Clancy zudem wegen psychischer Beschwerden freiwillig stationär in eine psychiatrische Klinik einweisen. Nach rund fünf Tagen wurde sie wieder entlassen.

Was sagt die Verteidigung?

Die Verteidigung bestreitet nicht, dass Lindsay ihre Kinder getötet hat. Ihre zentrale Linie lautet aber: Clancy sei wegen einer schweren Wochenbettpsychose nicht schuldfähig gewesen.

Was ist eine Wochenbettpsychose?

  • Eine Wochenbettpsychose, auch postpartale Psychose gennant, ist eine seltene, schwere psychische Krise nach einer Geburt. Sie verändert vorübergehend die Wahrnehmung und das Denken so stark, dass Betroffene den Bezug zur Realität verlieren können.
  • Es handelt sich um einen psychiatrischen Notfall, der sofortige medizinische Hilfe erfordert. Eine Wochenbettpsychose ist nicht mit dem häufigeren «Babyblues» oder einer Wochenbettdepression gleichzusetzen.
  • Typische Symptome einer Wochenbettpsychose sind plötzlich auftretende starke Verwirrtheit und Desorientierung, extreme Stimmungsschwankungen, ausgeprägte Angst oder Unruhe, Schlaflosigkeit, beschleunigtes oder sprunghaftes Denken sowie ein verändertes Verhalten.
  • Betroffene können den Bezug zur Realität verlieren, Stimmen hören oder Dinge sehen, die nicht da sind, und Wahnvorstellungen oder starkes Misstrauen entwickeln. Auch Gedanken, sich selbst oder dem Baby etwas anzutun, können auftreten.

Ihr Anwalt Kevin Reddington sagte in seinem Eröffnungsplädoyer, Clancy habe nach der Geburt ihres dritten Kindes an einer schweren psychischen Erkrankung gelitten. Er sprach von einer «Medikamenten-Mischung», von falscher oder unzureichender Diagnose und von einer Mutter, die wiederholt versucht habe, Hilfe zu bekommen.

Die Verteidigung will belegen, dass Clancy zum Tatzeitpunkt Stimmen gehört habe. Diese männliche Stimme habe ihr nach ihrer Darstellung befohlen, die Kinder und anschliessend sich selbst zu töten. Besonders wichtig sind deshalb digitale Spuren: Ermittler fanden auf ihrem Handy Internet-Recherchen zu Psychose-Symptomen, Halluzinationen und Suizid in den Tagen vor der Tat.

Kevin Reddington ist der Anwalt von Lindsay.

Kevin Reddington ist der Anwalt von Lindsay.

AP Pool The Boston Herald

Auch ihr Suizidversuch ist ein wichtiger Teil der Verteidigungsstrategie. Reddington argumentiert: Wer sich unmittelbar danach selbst töten wolle, habe nicht einfach versucht, nach einer geplanten Tat einer Strafe zu entgehen. «Sie liebte ihre Kinder», sagte der Anwalt zum Prozessauftakt. «Sie hatte kein Motiv.»

Die Verteidigung hat nach Abschluss der Anklage unter anderem Clancys Mutter und ihre ehemalige Schwiegermutter sowie mehrere psychiatrische und forensische Fachleute aufgerufen. Ein Psychologe, der Clancy dutzendfach untersucht hat, sagte, sie spreche noch immer praktisch täglich über ihre Kinder und denke fortwährend an sie.

Warum solidarisieren sich so viele mit Lindsay Clancy?

Die Solidarität mit Lindsay Clancy von der Öffentlichkeit ist riesig. Beispielsweise am Donnerstag standen rund 300 Menschen vor dem Gerichtssaal, um Solidarität mit ihr zu zeigen.

Viele trugen pinke Shirts mit Aufschriften wie «Believe» (Glauben), «She Needed Help» (Sie braucht Hilfe), «Peace For Lindsay» (Frieden für Lindsay) oder «Justice For Lindsay» (Gerechtigkeit für Lindsay).

Rund 300 Personen unterstützen Lindsay vor dem Gerichtssaal.

Rund 300 Personen unterstützen Lindsay vor dem Gerichtssaal.

FR25426 AP

Viele von ihnen sagten gegenüber der Nachrichtenagentur «AP», sie oder Menschen in ihrem Umfeld hätten selbst postpartale Depressionen, Ängste oder andere perinatale psychische Belastungen erlebt.

Mit der Kundgebung vor dem Gerichtsgebäude wollten sie auf die aus ihrer Sicht unzureichende psychiatrische Versorgung von Frauen aufmerksam machen. Die Tötung rechtfertigen oder gutheissen sie damit jedoch keineswegs.

Auch für die Eltern von Lindsay Clancy wurde eine Spendensammlung eingerichtet. Mittlerweile beläuft sich der Betrag auf über 900’000 US-Dollar. Das Geld soll die Wohn-, Reise- und Lebenshaltungskosten von Mike und Paula Musgrove decken, die für den Prozess ihrer Tochter von Connecticut nach Massachusetts gezogen sind, nicht jedoch ihre Verteidigung finanzieren.

Was sagt die Staatsanwaltschaft?

Die Staatsanwaltschaft von Plymouth County räumt ein, dass Lindsay Clancy psychisch belastet war. Sie hält sie dennoch für voll schuldfähig. Ihre These: Die Angeklagte habe nicht in einer Psychose gehandelt, sondern ihre Kinder bewusst, kontrolliert und mit einem klaren Ziel getötet.

Staatsanwältin Shanan Buckingham sagte im Eröffnungsplädoyer, Clancy habe «absichtlich, rational und schnell» gehandelt. Die Anklage will den Geschworenen vermitteln, dass die Tat nicht aus einem unkontrollierbaren Wahn heraus geschah, sondern in einem Zeitfenster geplant und umgesetzt wurde, als Patrick Clancy ausser Haus war.

Staatsanwältin Shanan Buckingham.

Staatsanwältin Shanan Buckingham.

FR25426 AP

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft nutzte Lindsay Clancy die rund 25 Minuten, in denen ihr Mann in Apotheke und Restaurant war. Sie soll ihn ungewöhnlicherweise selbst losgeschickt haben. Die Anklage wertet dies als Indiz, dass sie sich bewusst Zeit und Gelegenheit verschaffen wollte.

Zudem verweist die Staatsanwaltschaft auf ihr Verhalten am Tattag. Lindsay Clancy habe nach aussen geordnet und handlungsfähig gewirkt: Sie brachte eines der Kinder noch zu einem Arzttermin, schrieb mit ihrem Mann und schickte ihm am Morgen Fotos der Kinder.

Die Staatsanwältin zeigt vor Gericht Sportbänder. Damit soll Lindsay Clancy ihre Kinder stranguliert haben.

Die Staatsanwältin zeigt vor Gericht Sportbänder. Damit soll Lindsay Clancy ihre Kinder stranguliert haben.

AP Pool The Boston Herald

Patrick Clancy sagte vor Gericht ebenfalls, seine damalige Frau habe an diesem Tag zunächst «sehr gut» gewirkt. Die Anklage versteht dies als Hinweis darauf, dass sie orientiert und handlungsfähig war.

Juristisch wirft ihr die Anklage unter anderem Tötung mit «deliberate premeditation» und «extreme atrocity and cruelty» vor, also vorsätzliche Planung sowie besondere Grausamkeit. Die Staatsanwaltschaft muss dabei nicht beweisen, dass Clancy nie psychisch krank war. Sie muss die Geschworenen vielmehr davon überzeugen, dass ihre Krankheit die strafrechtliche Verantwortung am 24. Januar 2023 nicht aufgehoben hat.

Warum ist das Netz so wütend?

In den sozialen Medien kursieren zahlreiche unbelegte Spekulationen zum Fall Lindsay Clancy. Dabei gerät vor allem ihr Ex-Mann Patrick ins Visier von Nutzerinnen und Nutzern, die ohne fachliche Grundlage eigene Theorien verbreiten.

Sein Alibi wird online immer wieder angezweifelt. Einzelne Personen schreiben, es sei «zu perfekt», oder stellen die Behauptung auf, Patrick Clancy habe am Tattag einen Doppelgänger in eine Apotheke geschickt.

Einige Userinnen und User behaupten etwa, Patrick Clancy trage selbst Verantwortung für den Tod der drei gemeinsamen Kinder. Andere sagen, er könnte jene Stimme gewesen sein, die Lindsay Clancy während ihrer psychischen Krise gehört haben soll und die sie angeblich zur Tat gedrängt habe.

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Zusätzlichen Stoff für Spekulationen liefert sein Leben nach der Tragödie. Patrick Clancy hat nämlich erneut geheiratet. Seit Februar 2024 ist er laut «People»-Magazin mit seiner heutigen Ehefrau zusammen.

Viele erinnert der Fall an das tragische Verbrechen von 2018 in Colorado: Der Familienvater Chris Watts tötete seine schwangere Ehefrau und die beiden gemeinsamen Kinder, um ein neues Leben mit seiner Geliebten zu beginnen.

Ob die Diskussionen im Netz nun Misstrauen wecken oder nicht: Patrick Clancy wurde nie angeklagt. Die Ermittlungsbehörden haben ihn nicht als Tatverdächtigen bezeichnet. Konkrete Beweise oder belastbare Vorwürfe gegen ihn gibt es nicht.

Mehr als 70 Zeug*innen haben vor Gericht ausgesagt. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Beweisaufnahme inzwischen abgeschlossen, auch die Verteidigung befindet sich in der Schlussphase. Am Montag beginnen vermutlich die Schlussplädoyers. Wann die Geschworenen ihr Urteil fällen, ist weiterhin offen.

Wird Clancy wegen Mordes ersten Grades verurteilt, droht ihr im Bundesstaat Massachusetts eine lebenslange Haftstrafe ohne Aussicht auf Bewährung. Sollten die Geschworenen hingegen zum Schluss kommen, dass sie strafrechtlich nicht verantwortlich war, käme sie nicht automatisch frei: In diesem Fall könnte sie in einer staatlichen psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden.


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