Darum geht’s
- Wegen der Trockenheit kann das Wasser in einzelnen kleinen Schweizer Bächen derzeit zu bis zu 80 Prozent aus gereinigtem Abwasser bestehen.
- Kläranlagen entfernen zwar den grössten Teil der Verschmutzung, Rückstände von Medikamenten, Pestiziden und anderen Chemikalien können aber im Wasser bleiben.
- Bei Niedrigwasser werden diese Stoffe weniger verdünnt und können für Fische und andere Wasserlebewesen problematisch werden.
- Die Schweiz rüstet Kläranlagen mit zusätzlichen Reinigungsstufen aus. Mit trockeneren Sommern dürfte das Thema immer wichtiger werden.
Wir duschen, waschen Kleider, spülen Toiletten und lassen Wasser durch die Spüle laufen. Auch wenn draussen seit Wochen kaum Regen fällt, ändert sich daran wenig. Das Abwasser aus Haushalten fliesst weiter in die Kläranlagen und von dort gereinigt in Flüsse und Bäche.
Der Unterschied zeigt sich in den Gewässern, in die das gereinigte Abwasser fliesst: Sie führen derzeit viel weniger Wasser als sonst. Wie SRF berichtet, kann das Wasser in einzelnen kleinen Bächen momentan zu bis zu 80 Prozent aus gereinigtem Abwasser bestehen.
Das sagt Martin Märki, Gewässerschutzexperte der Aargauer Abteilung für Umwelt. Betroffen sind vor allem kleine Gewässer, in die eine oder mehrere Kläranlagen einleiten.
Der Bach schrumpft, das Abwasser bleibt
Die Rechnung dahinter ist einfach: Auch während einer Trockenperiode duschen, waschen und spülen die Menschen weiter. Entsprechend fliesst weiterhin ähnlich viel gereinigtes Abwasser aus den Kläranlagen. Im Bach selbst fehlt dagegen Wasser. Dadurch werden die Stoffe, die nach der Reinigung noch enthalten sind, deutlich weniger verdünnt.
Wie ausgeprägt die Trockenheit derzeit ist, zeigen die Daten des Bundes. In den vergangenen 90 Tagen fielen in weiten Teilen der Alpennordseite nur 50 bis 70 Prozent der üblichen Niederschläge, in der Region Basel sogar nur rund 30 Prozent. Besonders im Norden und Osten führen viele Gewässer deshalb weiterhin deutlich weniger Wasser als normal.
Eine rasche Entspannung ist nicht in Sicht: Das Trockenheitsbulletin des Bundes rechnet damit, dass sich das Niedrigwasser im Norden nach einer kurzen Erholung wieder verschärfen dürfte.
Im Aargau lässt sich die Folge der geringeren Verdünnung bereits messen. Bei Stichproben seien gewisse Grenzwerte für Schadstoffe überschritten worden, sagt Gewässerschutzexperte Martin Märki gegenüber SRF.
Was trotz Reinigung im Wasser bleibt
Für Fische und andere Wasserlebewesen kommt ein weiteres Problem hinzu: Bei hohen Temperaturen enthält das Wasser weniger Sauerstoff.Niedrigwasser, höhere Schadstoffkonzentrationen und Hitze setzen die Tiere damit gleichzeitig unter Druck.
«Gereinigtes Abwasser» ist nicht mit ungeklärtem Toilettenwasser gleichzusetzen. Schweizer Kläranlagen entfernen einen grossen Teil der Verschmutzung sehr zuverlässig. Einige Stoffe lassen sich mit herkömmlichen Verfahren aber nur teilweise herausfiltern.

Dazu gehören Rückstände von Medikamenten, Pestiziden und anderen Chemikalien aus unserem Alltag. Fachleute sprechen von Mikroverunreinigungen. Das Bundesamt für Umwelt BAFU bezeichnet ihren Eintrag als die derzeit grösste Herausforderung für die Wasserqualität der Schweizer Fliessgewässer.
Ein Beispiel ist Diclofenac, ein Wirkstoff in verbreiteten Schmerz- und Entzündungsmedikamenten. Ein Teil davon gelangt nach der Einnahme über den Körper ins Abwasser und wird in herkömmlichen Kläranlagen nur schlecht abgebaut.
Grenzwerte schon länger überschritten
Im Gewässer kann Diclofenac unter anderem Leber, Nieren und Kiemen von Fischen schädigen. Die Eidgenössische Anstalt für Abwasserreinigung und Gewässerschutz Eawag zeigte zudem, dass ein Abbauprodukt des Wirkstoffs für Wasserorganismen noch giftiger sein kann als Diclofenac selbst.
Das ist kein Problem, das erst mit der aktuellen Trockenheit entstanden ist. 2022 überschritten 18 von 22 untersuchten Pestiziden und Arzneimitteln in mindestens einem der 38 untersuchten Gewässer ihren ökotoxikologischen Grenzwert.
Nur sechs von 38 untersuchten Gewässern hielten sämtliche Grenzwerte ein. Bei Niedrigwasser verschärft sich das Problem, weil diese Stoffe weniger stark verdünnt werden.
Baden trotzdem nicht automatisch gefährlich
Ein überschrittener ökotoxikologischer Grenzwert bedeutet allerdings kein Badeverbot. Diese Werte sollen vor allem Tiere und Pflanzen vor langfristigen Schäden schützen.
Für die Badewasserqualität messen die Kantone unter anderem Bakterien wie Escherichia coli und intestinale Enterokokken. Laut BAFU weisen mehr als 97 Prozent der bewertbaren Schweizer Badeplätze mindestens eine ausreichende Wasserqualität auf.
Auch ein Bach, der zu 80 Prozent aus gereinigtem Abwasser besteht, ist deshalb nicht automatisch zu 80 Prozent «dreckig». Entscheidend ist die Belastung am konkreten Ort. Direkt unterhalb einer Kläranlage oder einer Regenwasserentlastung, also einer Notableitung bei Starkregen, sollte man eher nicht baden.
Der Kanton Aargau empfiehlt derzeit zudem, kleinere und mittlere Gewässer möglichst gar nicht zu betreten, um die durch Hitze und Niedrigwasser ohnehin stark belasteten Fische zu schonen. Entspannung würde erst mehr Regen bringen.
Nach starkem Regen besser warten
Ausgerechnet dieser ersehnte Regen kann die Wasserqualität zunächst aber verschlechtern. Nach langen Trockenperioden werden Dreck und Schadstoffe von Strassen und anderen Flächen in die Kanalisation gespült.
In vielen Schweizer Gemeinden laufen Regen- und Schmutzwasser zudem durch dieselben Leitungen. Bei Starkregen können Kanalisation und Kläranlagen überlastet werden.
Ein Teil des Wassers gelangt dann über Entlastungsanlagen direkt in Flüsse und Bäche. Der Kanton Zürich empfiehlt deshalb, nach starken Regenfällen zwei bis drei Tage mit dem Baden in Flüssen zu warten.
Für Hunde gilt ebenfalls: Besonders warmes, langsam fliessendes, trübes oder verfärbtes Wasser kann problematisch sein. Dort können sich Cyanobakterien, umgangssprachlich Blaualgen, vermehren.
Einige Arten bilden Giftstoffe, die für Hunde gefährlich sind. Der Kanton Zürich warnt deshalb davor, Hunde aus auffällig verfärbtem Wasser trinken zu lassen. Lieber eigenes Trinkwasser mitnehmen.
Vom Bach zurück ins Trinkwasser
Doch das Wasser im Bach betrifft nicht nur Badegäste und Tiere. Gereinigtes Abwasser bleibt Teil des Wasserkreislaufs. Es kann ins Grundwasser versickern und so später wieder Teil unseres Trinkwassers werden.
Das bedeutet aber nicht, dass gereinigtes Abwasser einfach aus dem Wasserhahn kommt. Gut 80 Prozent des Schweizer Trinkwassers stammen aus Grund- und Quellwasser, weitere rund 20 Prozent aus Oberflächengewässern wie Seen.
Wasser aus Flüssen wird auf seinem Weg durch Boden und Gestein zusätzlich gefiltert; Wasserversorger kontrollieren und behandeln es je nach Herkunft. Der hohe Abwasseranteil eines einzelnen Baches sagt deshalb nichts darüber aus, wie sauber das Wasser aus dem heimischen Hahn ist.
Kläranlagen sollen noch mehr herausfiltern
Bei den Mikroverunreinigungen setzt die Schweiz inzwischen direkt bei den Kläranlagen an. Ausgewählte Anlagen erhalten eine vierte Reinigungsstufe, die mit Aktivkohle oder Ozon viele Stoffe entfernt, welche die herkömmliche Reinigung passieren.
Ende 2024 waren knapp 40 Anlagen entsprechend ausgebaut. Rund 15 Prozent der Bevölkerung waren damals an eine solche Anlage angeschlossen, bis 2040 sollen es laut BAFU rund 70 Prozent sein.
Aber auch das dürfte nicht überall genügen. Das BAFU geht davon aus, dass einzelne Gewässer auch danach zu stark mit Arzneimitteln belastet sein werden. Das Parlament verlangt deshalb bereits eine weitere Verbesserung der Abwasserreinigung.
Trockenheit verschärft das Problem
Der trockene Sommer 2026 zeigt, warum das immer wichtiger wird: Unsere Abwassermenge hängt vor allem davon ab, wie viele Menschen duschen, waschen und die Toilette benutzen. Wie viel Wasser dieses Abwasser im Bach verdünnt, hängt vom Wetter ab.
Mit trockeneren Sommern und häufigerem Wassermangel dürfte dieses Verhältnis in Zukunft öfter aus dem Gleichgewicht geraten.
Je weniger Bach übrig bleibt, desto entscheidender wird deshalb, wie sauber das Wasser ist, das aus unseren Kläranlagen zurückfliesst.
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