Darum geht’s
- Der USA-Experte vertritt in seinem neusten Buch die These, Donald Trumps Politik sei von Narzissmus getrieben.
- Die Angst vor dem sozialen Abstieg oder vor der schwindenden Macht der USA auf der Weltbühne seien die wichtigsten Motive seiner Anhänger.
- Braml erklärt im Interview, gegen Narzissten wie Trump helfe nur, ihnen entschieden entgegenzutreten. Kompromissangebote nehme dieser als Einladung an, mehr zu fordern.
«Die narzisstische Nation» heisst das neueste Buch des USA-Experten Josef Braml. Im Zentrum stehen die USA und Präsident Trump. Braml erklärt dessen Aufstieg zum mächtigsten Mann der Welt – und seinen heutigen Umgang mit dieser Macht – aus dem Minderwertigkeitskomplex des New Yorker Immobilienunternehmers und Reality-Stars.
Doch nicht nur der Präsident leide an einer Kränkung, die er durch Selbstüberhöhung wettzumachen versucht, sondern auch seine Wähler*innen. Deren Erfahrung des sozialen Abstiegs oder die Angst davor, überflügelt und übervorteilt zu werden, mache diese empfänglich für den starken Mann, den Trump gibt.
Die USA legen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein sehr gesundes Selbstertrauen an den Tag. Was ist neu am Narzissmus. den Sie in ihrem Buch beschreiben?
In jeder Nation gibt es narzisstische Menschen und Elemente. Aber in Amerika hat sich das verdichtet. Alle starren auf Trump, den Ober-Narzissten. Neu ist, dass er auf eine Gemeinschaft trifft, die ihn als Führer verehrt und ihm hinterherrennt. Hinzu kommen Co-Narzissten, die ihn in seinem Grössenwahn bestätigen.
Wer sind diese Co-Narzissten und warum helfen diese, ihren Chef noch grösser zu machen, wenn sie ja in sich selbst verliebt sind?
Das sind die Menschen, die sich um Trump geschart haben, als sich abzeichnete, dass er gewinnen würde. Sie sichern sich ihren Platz an der Macht, indem sie Trump zudienen – und indem sie nur noch Informationen weitergeben, die seinem Ego schmeicheln. Wie sonst könnte der Präsident behaupten, er habe den Krieg gegen den Iran gewonnen?
Mir ist die psychologische Dimension wichtig: Narzissmus rührt fast immer von früherer Vernachlässigung her. Es gibt zwei Wege, diese Verletzung zu kompensieren: als Big Ego oder als vulnerabler Narzisst – als Hascherl, wie wir in Bayern sagen: ein Mensch, der sich herumschubsen lässt und einem Führer hinterherrennt.
Sie attestieren den USA ein kollektives Gefühl der Verunsicherung. Woran machen Sie das fest?
Da ist einerseits die Angst vor dem Abstieg. Die Menschen im ehemaligen Industriegürtel der USA, der längst zum Rostgürtel geworden ist, haben erlebt, wie ihre wirtschaftliche Grundlage weggebrochen ist. Viele verkauften zuletzt nur noch das Altmetall jener Fabriken, die einst ihre Existenz gesichert hatten. Dabei geht es nicht nur um Einkommen, sondern auch um Würde. Hillary Clinton hat das in ihrem Wahlkampf gegen Trump verkannt und deshalb verloren. Trump hingegen versprach, die Globalisierung rückgängig zu machen: Mit Zöllen und nationalistischer Politik werde das Leben wieder so gut wie früher, sagte er den Abgehängten.
«Trump hat ihnen versprochen, die Globalisierung rückgängig zu machen»: Viele Arbeitskräfte in Industrien mit unsicherer Zukunft unterstützen Trump.
EPA
Trump wird aber nicht nur von Abgehängten unterstützt, sondern auch von sehr reichen und mächtigen Menschen.
Opportunistische Reiche profitieren von Trumps Deregulierungen und Steuererleichterungen. Doch ihre Gier weicht zunehmend der Angst vor ihm. Trump hat auch viele Menschen in der Mittelschicht hinter sich geschart, die selbst keinen Abstieg erlebt haben, ihn aber befürchten. Sie fürchten, dass Afroamerikaner, Latinos oder China ihnen den Rang ablaufen könnten. Ich habe noch nie einen Amerikaner getroffen, dem der mögliche Aufstieg Chinas zur Weltmacht Nummer eins gleichgültig wäre. Die USA müssen in ihrem Selbstverständnis die Nummer eins der Welt bleiben; etwas anderes können viele Amerikaner kaum akzeptieren. Schon den relativen Abstieg der USA in der Weltordnung anzuerkennen, gilt vielen als unamerikanisch.
Wie viel ist vom Respekt übrig, den die US-Amerikaner ihren Institutionen gegenüber hatten?
Demokratische Institutionen wie der Kongress genossen in der Bevölkerung ohnehin selten hohe Zustimmungswerte. Auch vom Vertrauen in den Supreme Court ist nicht mehr viel übrig. Die Basis von Trumps Anhängerschaft verehrt ihren Präsidenten als gottgesandten Führer, der über den Institutionen steht.
Die einzige Institution, die noch etwas Respekt geniesst, ist die Armee. Ich bin überzeugt, dass nur die Armee die USA am 6. Januar 2021 vor einem Staatstreich bewahrt hat. Kriegsminister Pete Hegseth, der keinerlei Expertise für das Amt hat, das er ausübt, säubert die Armee im Namen des Oberbefehlshabers Trump, um künftig noch entschiedener gegen den «Feind im Inneren» vorgehen zu können.
Was halten Sie von der These, dass die Wahl des Konservativen Trump eine Reaktion auf acht Jahre des progressiven Barrack Obama war?
Wie meinen Sie das?
Obama kann auch als Symbol dafür gesehen werden, wie weit es die Afroamerikaner und andere später Eingewanderte in den USA gebracht haben. Und seine sozial-liberale Agenda ging wohl einigen zu weit.
Was Sie nicht offen aussprechen: Dabei geht es auch um Rassismus. Ein Hauptgrund, weshalb die USA keinen echten Sozialstaat haben, ist die rassistische Wahrnehmung, dass soziale Leistungen zunehmend auch Afroamerikanern, Latinos und anderen Minderheiten zugutekämen. Obama hat als Erster seit Jahrzehnten den Sozialstaat ausgebaut. Das hat vielen Weissen missfallen, die zudem im Zuge der demografischen Entwicklung fürchten, ihre Vorherrschaft zu verlieren. Viele Weisse haben Angst, selbst zur Minderheit zu werden. Die Trump-Revolution soll genau das verhindern.
Was halten Sie von der Ansicht, Trump sei eine Marionette von Menschen, die einen möglichst schwachen Staat und maximale unternehmerische Freiheiten wünschen?
Das sehe ich anders. Trump ist der unbestrittene Anführer. Selbst Elon Musk, der reichste Mann der Welt, musste einsehen, dass er gegen ihn nicht ankommt. Nach dem Bruch wollte er eine eigene Partei gründen. Wenige Monate später ist er bei Trump wieder zu Kreuze gekrochen. Der Präsident hat die Plutokraten im Griff. Bei J.D. Vance könnte das anders sein: Hinter ihm steht eine mächtige Elite, die sich eine Art Renaissance wünscht, in der ein kleiner Zirkel die absolute Macht ausübt.
Sie beschreiben auch politische Unternehmer, die die Polarisierung der USA zu ihrem Kapital gemacht haben. Haben diese das Problem verschärft?
Sie nutzen den vulnerablen Narzissmus politisch aus. Sie sprechen gezielt Menschen an, die ihr Minderwertigkeitsgefühl kompensieren, indem sie sich einem starken Führer anschliessen.
Sind diese zur alternativen Rechten zählenden Medienschaffenden ein Resultat von Trumps Erfolg oder haben sie diesen erst möglich gemacht?
Beides. Sie sind Produkt und Verstärker von Trumps Erfolg. Ohne Trump hätten sie kaum diese Reichweite bekommen; zugleich haben sie das Ressentiment, von dem Trump lebt, gebündelt, radikalisiert und politisch nutzbar gemacht. Sie liefern den vulnerablen Narzissten die Erzählung, dass nicht sie gescheitert seien, sondern dass ihnen andere etwas weggenommen hätten.
Josef Braml
Dr. Josef Braml ist deutscher Politikwissenschaftler, USA-Experte und Autor. Er arbeitete unter anderem als Berater im US-Repräsentantenhaus, bei der Brookings Institution, der Weltbank, der Stiftung Wissenschaft und Politik und der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Aktuell forscht er für die Trilaterale Kommission. Soeben ist sein neustes Buch «Die narzisstische Nation» erschienen.
Die Zustimmungswerte der US-Bevölkerung für Trump sind historisch tief. Viele Beobachter erwarten einen Sieg der Demokraten bei den Zwischenwahlen. Wie wird der Narzisst Trump damit umgehen?
Ein Narzisst kann nicht verlieren. Trump tut alles, um eine Niederlage bei diesen Wahlen zu verhindern. Seine Administration nimmt an verschiedenen Stellen Einfluss auf den Wahlprozess, obwohl dieser gemäss Verfassung in erster Linie Sache der Bundesstaaten ist. Er beruft Wahlleugner in Regierungspositionen und versucht, bestehende Schutzmechanismen abzubauen, die faire Wahlen garantieren sollen. Zudem sollen Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund durch Einschüchterung davon abgehalten werden, an der Wahl teilzunehmen.
Reicht das, um die Niederlage zu verhindern?
Das weiss ich nicht. Ich sehe nur, dass die Trump-Regierung auf allen Ebenen daran arbeitet, sich demokratischer Kontrolle immer weiter zu entziehen.
Wechseln wir nach Europa. Wie stark wirkt dort der Narzissmus in der Politik?
Ich habe dazu noch nicht geforscht und kann deshalb nichts Fundiertes sagen. Ich vermute aber, dass in Europa zeitverzögert ähnliche Mechanismen greifen könnten wie in den USA unter Trump.
Drängender scheint mir derzeit die Frage, wie andere Staaten Trumps von Narzissmus getriebener Politik begegnen sollten.
Was ist das richtige Rezept gegen Trump?
Der kanadische Premierminister Mark Carney macht es vor. Er weiss: Gegenüber Narzissten gibt es nur zwei mögliche Reaktionen – Flucht oder Kampf. Carney hat erkannt, dass Kanada nichts erreicht, wenn es klein beigibt; also hält er dagegen. Trump versteht nur Stärke. Die Europäer haben viel mehr wirtschaftliches Gewicht als Kanada, trotzdem sind sie bisher fast nur gekrochen. Die einzige Ausnahme war, als Trump Grönland verlangte. Da legten die Europäer die Bazooka auf den Tisch und machten dem US-Präsidenten klar: «Bis hierher und nicht weiter!» Er hat es verstanden und akzeptiert.
Was halten Sie von der Strategie, die Trump-Jahre irgendwie mit möglichst wenig Schaden zu überstehen und auf bessere Zeiten zu hoffen?
Die narzisstische Nation USA hängt nicht allein von Trump ab. Sie wird weiterbestehen, wenn er weg ist. Die EU und etwas später auch die Schweiz haben begriffen, dass sie sich auf die USA nicht mehr verlassen können. Die USA leben über ihre Verhältnisse und haben rund 40 Billionen Dollar Schulden angehäuft. Schon 2008, in der Weltfinanzkrise, haben wir dafür viel Lehrgeld bezahlt. Wer jetzt noch in US-Staatsanleihen investiert, investiert in Illusionen und zahlt am Ende «Dummensteuer».
Es macht auch keinen Sinn Schutzgeld oder Tribut zu zahlen. Wer glaubt noch, die USA würden Europa schützen? Ein Land, das sich nicht einmal traut, gegen eine viertklassige Armee wie die iranische Bodentruppen einzusetzen? Auch die Vasallen der USA im Nahen Osten haben erkannt, dass die Pax Americana tot ist. Die Ukraine, von den USA im Stich gelassen, hilft inzwischen Staaten im Nahen Osten, sich gegen russische Drohnen zu wehren, die der Iran auf sie loslässt.
Europa muss sich unabhängig machen von der Narzissmus-getriebenen US-Geopolitik – ist es das?
Wenn Europa weiterhin auf die amerikanische Schutzmacht setzt, ist das vulnerabler Narzissmus: die Erwartung, dass Papa es schon richtet. Doch darauf ist kein Verlass mehr. Familien, in denen ein narzisstischer Tyrann herrscht, erkennen das meist zuletzt. Das globale Dorf weiss es längst. Die transatlantische Gemeinschaft muss sich eingestehen, dass die USA kein verlässlicher Garant mehr sind – auch wenn Nato-Generalsekretär Rutte noch immer hofft, Papa werde die Kinder nicht verlassen.
In der Schweiz setzen Konservative auf die uneingeschränkte Neutralität als Garant der Sicherheit des Landes. Ein erfolgversprechendes Rezept?
So viel Gottvertrauen wie in der Schweiz, genährt vom historischen Glück, von zwei Weltkriegen verschont geblieben zu sein, habe ich selten angetroffen. Doch Neutralität ist kein Schutzschild gegen Machtpolitik. Narzissten – und Trump ist nicht der einzige an der Spitze eines Staates – lassen sich davon nicht bremsen.
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