«Sie drohten, meine Familie umzubringen»
Pussy Riot ist ein feministisches Punk- und Performance-Kollektiv aus Russland, das mit bunten Sturmhauben gegen Putin und die orthodoxe Kirche protestiert.
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Darum geht’s
- Rita Flores, früher bei Pussy Riot, sagt dem Exilmedium «Port», der FSB habe sie ab Februar 2023 drei Jahre lang unter Drohungen zur Spionage gezwungen.
- Als «Harley» musste sie Dossiers über Künstler anlegen und Weggefährten ausspähen – bis sie 2025 ihren Ex-Freund und Pussy-Riot-Mitgründer Petr Wersilow in eine tödliche Falle locken sollte.
- Das verweigerte sie, floh vor zwei Wochen aus Russland und will mit ihrer Enttarnung andere Betroffene zum Reden ermutigen.
Rita Flores will öffentlich über das sprechen, was ihr passiert ist: Das frühere Pussy-Riot-Mitglied sagt gegenüber dem Exilmedium «Port», sie sei drei Jahre lang vom russischen Inlandsgeheimdienst (FSB) zur Spionage gezwungen worden.
Eigentlich heisst Flores Margarita Konowalowa – und begonnen hat alles am 17. Februar 2023. Bei einer Hausdurchsuchung verschwand sie spurlos. Freunde und Bekannte versuchte, sie zu erreichen. Eigentlich sass die Aktivistin in ihrer Wohnung und unterschrieb unter Zwang eine Zusammenarbeitserklärung mit dem FSB. Später schildert sie, man habe ihr das Telefon weggenommen.
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«Es war wie im Film: Sie setzten mich an den Tisch, ich konnte mich nicht bewegen. Sie bedrohten mich auf jede erdenkliche Weise, verspotteten mich, sagten Unangenehmes, drohten, meine Familie umzubringen, und behaupteten, ich würde niemals beweisen können, wer meine Mutter getötet hatte. Sie griffen mich persönlich an, sagten, wie abscheulich und schrecklich ich sei, dass sie mich zum grössten Satan in ganz Russland machen würden», sagte Flores.
Auch sie selbst könne spurlos verschwinden, versichern ihr die Beamten.
Was ist Pussy Riot?
- Die Gruppe wurde im Jahr 2011 in Moskau gegründet. Es ist ein feministisches Punk- und Performance-Kollektiv, das mit bunten Sturmhauben gegen Putin und die orthodoxe Kirche protestiert.
- Weltberühmt wurde die Gruppe 2012 mit dem «Punk-Gebet» in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale: «Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin», ein Protest dagegen, dass sich die orthodoxe Kirchenführung im Wahlkampf hinter Wladimir Putin stellte. Zwei Mitglieder mussten dafür knapp zwei Jahre ins Straflager.
- Im Dezember 2025 stufte Russland Pussy Riot als «extremistische Organisation» ein und verbot jegliche Aktivität der Band im Land. Viele Mitglieder leben heute im Exil.
Sie bekam den Decknamen «Harley». Damit sollte Flores für den FSB Freunde und Mitstreiter ausspionieren. Sie nahmen ihr alle Ausweise ab, so dass Flores nicht mehr reisen konnte. Dafür bekam sie ein «Arbeitshandy», auf dem der Geheimdienst mitlesen konnte.
«Ich hatte enorme Angst und Schuldgefühle.»
Flores erzählt, sie habe sich schrecklich dabei gefühlt. «Es gab in den ganzen Jahren nicht einen Tag, an dem ich mich gut gefühlt habe oder ruhig war. Ich hatte enorme Angst und Schuldgefühle.»
Ihr «Kurator», also der Verbindungsmann zum FSB, hiess Iwan. Sie trafen sich in Moskauer Hinterhöfen. Dort, wo es keine Kameras gibt. Als erste Aufgabe sollte sie Dossiers über russische zeitgenössische Künstler anlegen.
«Sie gaben mir ein grosses Blatt Papier in einem Umschlag, auf dem nach dem Alphabet geordnet alle russischen Künstler aufgelistet waren. Das Schrecklichste war, dass ich die meisten von ihnen kannte. Es war furchtbar, sie auf dieser Liste zu sehen. Meine Aufgabe war es, über jeden Künstler ein Dossier anzulegen. Ich sollte mich auf ihre Schwachpunkte konzentrieren, auf ihre Liebesbeziehungen, auf ihre Angewohnheiten, mit denen man sie erpressen kann, etwa Drogen, aber ich sollte auch herausfinden, wer Depressionen hat.»
Das russische Regime fürchtet zeitgenössische Künstler, denn sie könenn den diktatorischen Alltag mit ihren Aktionen stören. Sie fordern die Macht heraus. Beispielsweise der Aktionskünstler Pavel Krisevich, der 2021 seinen Selbstmord auf dem Roten Platz vortäuschte.
Er schoss zunächst in die Luft, dann hielt er die Pistole an seinen Kopf und drückte ab. Es sei ihm darum gegangen, die Angst zu töten, erklärte Krisewitsch später. Drei Jahre kam er dafür ins Gefängnis. Nach seiner Freilassung Anfang 2025 setzte der FSB Rita Flores auf ihn an. Auch Pussy-Riot-Gründerin Maria Aljochina sollte sie ausspionieren.
Auftrag: Peter Verzilov töten
Mitte 2025 kam schliesslich die radikalste Aufgabe überhaupt dazu: Peter Verzilov zu töten. Verzilov ist Gründer der Künstlergruppe «Woina», Mitgründer von Pussy Riot und ihr ehemaliger Freund.
Sie sollte ihn zu einer Reise nach Serbien bringen. Dort sollte sie sich in ein Café setzen, welches vollbesetzt mit russischen Geheimdienstagenten ist. Wenn er auf die Toilette gehen würde, würden sie ihm folgen und Flores das Café verlassen.
«Das war der Moment, in dem es kein Zurück mehr gab», sagte Flores. «Zuvor dachte ich, ich müsse nur auf meinen Pass warten und könne dann fliehen. Doch dann wurde mir klar, wie weit sie zu gehen bereit waren.»
Flucht geschafft
Laut der Aktivistin verweigerte sie die Mitarbeit an dem Anschlagsplan. Sie hielt die Hintermänner hin und wandte sich stattdessen an den im Westen lebenden Menschenrechtsanwalt Dmitrij Sachwatow. Er verhalf ihr zu einem erfolgreichen Fluchtplan.
Vor rund zwei Wochen konnte Flores Russland schliesslich verlassen. Mit der Wahrheit will sie sich jetzt aus den Fängen des FSB befreien. Zudem soll ihre Enttarnung, so Rita Flores, andere dazu ermuntern, auch ihre erzwungene Mitarbeit mit dem FSB offenzulegen.
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