Darum geht’s
- Im Pazifik verlagern sich derzeit aussergewöhnlich grosse Mengen warmen Wassers nach Osten.
- Internationale Wetterdienste halten einen aussergewöhnlich starken El Niño für wahrscheinlich.
- Dadurch könnte 2027 ein neues globales Temperaturrekordjahr werden.
Was passiert gerade im Pazifik?
Im tropischen Pazifik hat sich in den vergangenen Monaten eine ungewöhnlich grosse Menge warmen Wassers nach Osten verlagert. Ein wichtiger Teil dieses Prozesses spielt sich zunächst unterhalb der Meeresoberfläche ab. NASA-Forscher*innen beobachten dort sogenannte Kelvin-Wellen: Gewaltige Wassermassen, die sich entlang des Äquators ostwärts bewegen und dabei Wärme aus dem westlichen Pazifik in Richtung Südamerika transportieren.
Was ist El Niño?
- El Niño ist eine natürliche Klimaschwankung im tropischen Pazifik. Dabei erwärmt sich die Meeresoberfläche im zentralen und östlichen Pazifik ungewöhnlich stark. Normalerweise treiben die Passatwinde warmes Oberflächenwasser nach Westen. Schwächen sich diese Winde ab, strömt warmes Wasser nach Osten und der Auftrieb von kaltem Tiefenwasser geht zurück.
- Die Folge ist ein verändertes Zusammenspiel von Ozean und Atmosphäre, das Wetter und Temperaturen weltweit beeinflussen kann. In manchen Regionen führt El Niño zu mehr Regen und Überschwemmungen, in anderen zu Dürren und Hitze. Gleichzeitig kann er die globale Durchschnittstemperatur vorübergehend deutlich erhöhen.
- El Niño tritt unregelmässig etwa alle zwei bis sieben Jahre auf und dauert meist mehrere Monate. Das Gegenstück ist La Niña, bei der sich der tropische Pazifik überdurchschnittlich stark abkühlt.
Der Satellit Sentinel-6 Michael Freilich kann diese Entwicklung indirekt sichtbar machen. Weil sich warmes Wasser ausdehnt, verändert es die Höhe der Meeresoberfläche – teilweise um mehrere Zentimeter. Aus diesen Veränderungen können die Forscherenden auf die Verteilung der Wärme im Ozean schliessen. Die Satellitenmessungen liefern damit einen wichtigen Hinweis darauf, dass sich der Pazifik derzeit auf einen ungewöhnlich starken El Niño zubewegt.
Im Pazifik hat sich bereits unter der Oberfläche ein grosser Wärmespeicher aufgebaut. Wenn diese Wärme weiter nach Osten gelangt und an die Oberfläche tritt, kann sie die Erwärmung des tropischen Pazifiks in den kommenden Monaten weiter verstärken.
Videografik: Die Wetterphänomene El Niño und La Niña
Kommt ein «Super-El-Niño»?
Die Anzeichen sind derzeit ungewöhnlich stark. Der Begriff «Super-El-Niño» ist allerdings kein offizieller wissenschaftlicher Fachbegriff. Gemeint ist ein aussergewöhnlich starkes El-Niño-Ereignis.
Die US-amerikanische Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA erwartet für Herbst und Winter 2026/27 mit mehr als 90 Prozent Wahrscheinlichkeit einen sehr starken El Niño. Für Oktober bis Dezember liegt die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses, das stärker wäre als die bisherigen El-Niño-Ereignisse seit 1950, bei 69 Prozent.
Noch weiter geht die unabhängige Forschungsorganisation Berkeley Earth. Nach deren Analyse liegen die Temperaturen im zentralen tropischen Pazifik bereits so hoch wie zu keinem früheren Zeitpunkt der modernen Messgeschichte. Allerdings betont Berkeley Earth eine Einschränkung: Ein Ereignis dieser Stärke wurde bislang noch nie beobachtet, die Modelle bewegen sich also ausserhalb des Bereichs, in dem sie durch historische Beobachtungen gut getestet werden können.
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Was bedeutet ein «Super-El-Niño» für 2027?
Der Höhepunkt eines El Niño fällt nicht zwangsläufig mit dem Höhepunkt der globalen Erwärmung zusammen. Die Atmosphäre reagiert mit einer gewissen Verzögerung auf die Veränderungen im Pazifik. Nach Angaben von Berkeley Earth liegt zwischen dem Höhepunkt der tropischen Pazifiktemperaturen und der maximalen Wirkung auf die weltweite Durchschnittstemperatur typischerweise ein Abstand von etwa zwei bis fünf Monaten.
Wenn der El Niño Ende 2026 seinen Höhepunkt erreicht, fällt ein grosser Teil seiner wärmenden Wirkung auf die globale Durchschnittstemperatur in das Jahr 2027. Das Muster ist aus der Vergangenheit bekannt: Beim starken El Niño 1997/98 wurde der grösste globale Wärmeeffekt ebenfalls erst 1998 sichtbar. Auch beim El Niño 2015/16 folgte auf die Entwicklung des Ereignisses ein aussergewöhnlich warmes Folgejahr.
Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) nennt 2027 ausdrücklich als besonders aussichtsreichen Kandidaten für einen neuen globalen Temperaturrekord. In die gleiche Kerbe schlagen die Wetterdienste zahlreicher Länder wie etwa das Met Office, der nationale Wetter- und Klimadienst des Vereinigten Königreichs. Dieser betont, dass die aktuellen El-Niño-Bedingungen die Wahrscheinlichkeit eines Rekordjahrs erhöhen.
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Wie heiss könnte 2027 werden?
Eine exakte Zahl wäre zum jetzigen Zeitpunkt unseriös. Dafür ist die Entwicklung von El Niño noch zu unsicher. Trotzdem lassen sich Grössenordnungen abschätzen.
Eine auf historischen Zusammenhängen basierende Analyse des britischen Klima-Fachmediums «Carbon Brief» kommt auf einen Mittelwert von rund 1,71°C über dem vorindustriellen Niveau für 2027. In dieser Modellierung hätte 2027 eine Wahrscheinlichkeit von rund 92 Prozent, den bisherigen globalen Rekord für das heisseste Jahr zu übertreffen. Dabei handelt es sich aber um keine offizielle Vorhersage eines meteorologischen Dienstes.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Jahresmittel und einzelnen Monaten. Ein globales Jahresmittel von beispielsweise 1,7°C über dem vorindustriellen Niveau bedeutet nicht, dass es überall auf der Erde dauerhaft 1,7°C wärmer ist. Einzelne Regionen und Monate können deutlich stärker oder schwächer ausfallen.
Ob 2027 tatsächlich neue Temperaturrekorde aufstellen wird, lässt sich heute noch nicht mit Sicherheit sagen. Klar ist aber: Die Voraussetzungen für einen neuen globalen Temperaturrekord sind aussergewöhnlich günstig.
Ist der Klimawandel für El Niño verantwortlich?
Nein – zumindest nicht im Sinne einer direkten Ursache. El Niño ist ein natürliches Phänomen, das es lange vor der menschengemachten Erderwärmung gab. Gemäss dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (MeteoSchweiz) ist auch nicht erwiesen, dass der Klimawandel die Häufigkeit oder Intensität von El-Niño-Ereignissen erhöht. Er kann jedoch die damit verbundenen Auswirkungen verstärken, da die Erwärmung des Ozeans und der Atmosphäre die Menge an Energie und Feuchtigkeit erhöht, die für extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen und Starkregen zur Verfügung steht.
Der Klimawandel verändert also die Ausgangslage. El Niño wirkt wie ein zusätzlicher Wärmeimpuls auf einen Planeten, der sich durch den Ausstoss von Treibhausgasen ohnehin langfristig erwärmt. Die NASA beschreibt deshalb die jüngsten Rekordjahre als Zusammenspiel von langfristiger menschgemachter Erwärmung und kurzfristigen natürlichen Schwankungen wie El Niño.
Konkret: Der Klimawandel hebt das Temperaturniveau an. El Niño kann für eine gewisse Zeitspanne – mehrere Monate bis zu einem Jahr – noch etwas drauflegen.
Welche Folgen hätte ein extremer El Niño?
El Niño bedeutet nicht einfach überall mehr Hitze. Er verändert die atmosphärische Zirkulation und damit Niederschlags- und Wettermuster auf der ganzen Welt.
Typisch sind beispielsweise erhöhte Dürrerisiken in Teilen Australiens, Indonesiens und Südostasiens. Gleichzeitig können etwa Teile Südamerikas und Ostafrikas sowie Gebiete im Süden der USA überdurchschnittlich viel Niederschlag und Überschwemmungen erleben.
Auch die Meere leiden. NASA-Forscher*innen beobachten bereits Veränderungen im Phytoplankton des tropischen Pazifiks. Der Grund: Wenn El Niño den Auftrieb kalten, nährstoffreichen Tiefenwassers abschwächt, sinkt die Versorgung sinkt die Versorgung mit Nährstoffen in der Nähe der Oberfläche. Das kann sich durch die gesamte marine Nahrungskette ziehen.
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Besonders problematisch ist die Kombination aus Hitze und Trockenheit. Regionen, die ohnehin unter zunehmender Erwärmung, Wasserknappheit oder Entwaldung leiden, bekommen durch einen extremen El Niño einen zusätzlichen Stressfaktor. Umgekehrt können Starkregen und Überschwemmungen dort gefährlicher werden, wo der Boden durch vorherige Trockenheit oder Waldverlust weniger Wasser aufnehmen kann.
Für Europa sind die Zusammenhänge komplizierter. zumal es nicht im Zentrum des El-Niño-Systems liegt. Deshalb sind die Auswirkungen weniger direkt sind als etwa in Peru oder Indeonesien. Es wäre deshalb falsch, aus einem starken El Niño automatisch einen bestimmten europäischen Winter oder Sommer abzuleiten.
Trotzdem ist Europa nicht abgeschottet. El Niño verändert die grossräumige atmosphärische Zirkulation und kann dadurch die Wahrscheinlichkeit bestimmter Wetterlagen – etwa Hitzewellen – beeinflussen.
Die derzeitige Situation ist ernst, aber sollte nicht mit Gewissheiten überladen werden. Der Begriff «Super-El-Niño» ist medial griffiger als wissenschaftlich präzise. Sicher ist dagegen, dass El Niño 2026 bereits aktiv ist, sich verstärkt und nach den aktuellen Prognosen mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr stark wird.
Sollte El Niño tatsächlich Ende 2026 einen aussergewöhnlichen Höhepunkt erreichen, könnte 2027 deshalb zum nächsten globalen Temperaturrekordjahr werden.
Noch ist das eine Wahrscheinlichkeitsaussage, ein Rekordjahr 2027 ist keineswegs sicher. Aber nach dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand ist es eine ernsthaft wahrscheinliche Entwicklung – und keine blosse Spekulation. Die nächsten Monate werden zeigen, ob der Pazifik tatsächlich einen El Niño hervorbringt, der die bisherigen Extremereignisse von 1982/83, 1997/98 und 2015/16 übertrifft.
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