Ablauf, Täter, Waffen
Der Aargauer Polizeikommandant Michael Leupold gibt an einer Medienkonferenz am Mittwoch Auskunft.
Keystone
Darum geht’s
- Die Polizei hält den festgenommenen 43-Jährigen mit hoher Wahrscheinlichkeit für den Schützen von Aarau.
- Er soll mehr als 40 Schüsse abgegeben und sechs Menschen verletzt haben.
- Das Motiv ist offen, der Beschuldigte schweigt und sitzt in Untersuchungshaft.
Nachdem die Kantonspolizei Aargau 48 Stunden lang seit der Festnahme des mutmasslichen Täters geschwiegen hatte, informierte sie am Mittwochnachmittag über den aktuellen Stand der Ermittlungen.
Die Kantonspolizei Aargau geht «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» davon aus, dass der festgenommene 43-jährige Schweizer für die tödlichen Schüsse am Rave im Aarauer Schachen verantwortlich ist. Der Mann stammt aus dem Jura und stellte sich am Montag selbst bei der Polizei in Delémont. Nach aktuellem Ermittlungsstand handelt es sich um einen Einzeltäter.
Der 43-Jährige wurde am Montag von Polizei und Staatsanwaltschaft befragt. Er machte bislang keine Aussagen – weder zur Tat noch zum Motiv.
Allerdings deutete er laut Staatsanwalt an, psychische Probleme zu haben. Welche Art von Problemen vorliegt und ob es frühere Behandlungen gab, ist noch Gegenstand der Abklärungen.
Der Mann befindet sich in Untersuchungshaft. Gegen ihn läuft ein Strafverfahren wegen des Verdachts auf vorsätzliche Tötung sowie Mord – jeweils teilweise versucht – und wegen Widerhandlungen gegen das Waffengesetz.
In der Nacht auf Sonntag fuhr der Täter laut Polizei mit seinem Auto zur Schachenstrasse/Bahnstrasse. Anschliessend ging er zu Fuss zur Pferderennbahn, wo sich noch weit über 100 Personen auf dem Rave-Gelände befanden.
Der rote Kreis markiert den Ort, wo der Täter parkierte.
Kantonspolizei Aargau
Gegen 2.30 Uhr eröffnete der Mann das Feuer. Er schoss mit einem Sturmgewehr mehr als 40 Mal wahllos auf die Menschenmenge und änderte dabei mehrfach die Schussrichtung.
Anschliessend ging der Mann zurück zu seinem Fahrzeug und schoss mit einer Pistole auf ein Auto. Die darin sitzende Person blieb unverletzt. Danach flüchtete der Täter mit seinem Auto in Richtung Jura. Laut Polizei bewegte er sich «sehr rasch» von Aarau weg. Die genaue Route ist noch Gegenstand der Ermittlungen.
Bei der Attacke wurde eine 22-jährige Italienerin tödlich getroffen. Sie erlitt einen Durchschuss am Oberkörper. Fünf weitere Menschen wurden durch Schüsse verletzt, eine sechste Person durch Abprallungen. Die zwei noch hospitalisierten Verletzten geht es laut Behörden «den Umständen entsprechend besser».
So wurde der Verdächtige gefunden
Nach dem ersten Notruf um 2.30 Uhr gingen bei der Polizei insgesamt rund 80 Meldungen ein. Die Einsatzkräfte evakuierten mehr als 100 Menschen und begannen gleichzeitig mit der Spurensicherung und der Suche nach Bildern des Täters.
Der entscheidende Hinweis kam laut Polizei von einer Person, die ein Fahrzeug mit jurassischem Kontrollschild beobachtet hatte. Die Ermittler prüften daraufhin mehr als 100 mögliche Fahrzeuge.
Videoaufnahmen führten schliesslich zu wenigen Fahrzeugen. Eines davon bewegte sich nach der Tat von Aarau weg und passte zum rekonstruierten Ablauf. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf den später festgenommenen Mann.

Noch während die Polizei im Jura Massnahmen vorbereitete, stellte sich der 43-Jährige selbst auf einem Polizeiposten in Delémont. Er fuhr mit seinem Auto zum Polizeiposten. Die drei später sichergestellten Waffen befanden sich dabei im Kofferraum.
Im Fahrzeug des Beschuldigten wurden drei Waffen sichergestellt: eine Pistole und zwei Sturmgewehre des Typs AK-74. Nach Angaben der Polizei wurden die Pistole und eines der Sturmgewehre bei der Tat eingesetzt. Ob auch die dritte Waffe verwendet wurde, ist noch unklar.
Die Waffen hatten laut Polizei keinen militärischen Hintergrund. Der Beschuldigte habe sie privat erworben. Die Bewilligung für den Erwerb sei vor rund 20 Jahren von den Behörden im Kanton Jura erteilt worden. Wo genau die Waffen gekauft wurden, ist den Ermittlern nach eigenen Angaben nicht bekannt.
Wie viel Munition der Mann bei sich hatte, wollte die Polizei nicht sagen. Klar ist laut den Ermittlern jedoch, dass keine der eingesetzten Waffen mit Serienfeuer verwendet wurde.
Warum ein Mann mit psychischen Problemen legal über solche Waffen verfügte, ist derzeit ebenfalls Gegenstand der Ermittlungen. Staatsanwalt Christoph Rüedi sagte dazu: «Stand heute kann ich keine Antwort darauf geben.»
Beim Vorfall starb eine 22-jährige Italienerin, sechs weitere Personen wurden verletzt.
Michael Buholzer/KEYSTONE/dpa
Polizei geht von Amoktat aus
Die Ermittler gehen inzwischen von einer Amoktat aus. Warum der Mann ausgerechnet den Rave in Aarau auswählte, ist weiterhin offen. Laut Polizeikommandant Michael Leupold hatte der Beschuldigte keine Beziehung zu Aarau.
Auch bei den Behörden war der Mann zuvor offenbar nicht auffällig. Bekannt seien lediglich Bagatelldelikte im Strassenverkehr.

Der 43-Jährige war früher in der Armee und dort als Truppenkoch tätig. 2013 schied er aus dem Militär aus und gab seine persönliche Dienstwaffe zurück.
Die Polizei sieht keine Gefahr mehr für die Bevölkerung im Zusammenhang mit der Tat. Offen bleiben jedoch zentrale Fragen: Warum griff der Mann die Rave-Besucher an? Warum besass er die Waffen? Und weshalb suchte er sich genau diesen Anlass als Ziel aus?
Die Ermittlungen laufen weiter. Die Polizei wertet unter anderem Spuren, Videoaufnahmen und Befragungen aus. Insgesamt wurden nach der Tat mehr als 130 Personen befragt.
«Diese Frage ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen, die es in den nächsten Wochen und Monaten zu klären und erhärten ist», sagte Einsatzleiter Matthias Schildknecht zur Frage nach dem Motiv.
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