Die dunkle Geschichte der Methernitha – und warum Sekten in der Schweiz gedeihen


Missbrauch, Macht und Glaube

Paul «Baumann, Gründer der Methernitha-Sekte, in einer undatierten Aufnahme. Der von seinen Anhängern «Vatti» genannte Guru gründete die Glaubensgemeinschaft in den 1950er-Jahren im bernischen Linden und prägte sie über Jahrzehnte.

Bild: KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Joe Widmer

Die neue vierteilige TV-Doku «Der Engelmacher» erzählt die Geschichte von Methernitha-Gründer Paul Baumann, der sich «Vatti» nennen liess und Mädchen zu seinen «Engeln» machte. blue News zeigt, warum die Sekten-Doku unter die Haut geht – und weshalb die Schweiz laut einem Experten ein guter Nährboden für christliche Gruppierungen ist.

Darum geht’s

  • Paul Baumann gründete in den 1950er-Jahren die christliche Gemeinschaft Methernitha und liess sich «Vatti» nennen. Er missbrauchte zahlreiche junge Mädchen, wurde 1974 zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und blieb auch danach eine prägende Figur der Gemeinschaft.
  • Die Schweiz gilt laut Sektenexperte Georg Schmid wegen ihrer religiösen Vielfalt, Religionsfreiheit und ihres Wohlstands als guter Nährboden für neue Glaubensgemeinschaften.
  • Die vierteilige SRF-Doku «Der Engelmacher» arbeitet Baumanns Geschichte auf. Regisseurin Marina Klauser hat einen persönlichen Bezug: Ihre Grosseltern gehörten der Methernitha an, ihre Tante verbrachte dort einen Teil ihres Lebens.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Wer war «Engelmacher»-Guru Paul Baumann?

Der Berner Paul Baumann gründete die christliche Glaubensgemeinschaft Methernitha und liess sich von seinen Anhängern «Vatti» nennen. Seine Machtposition nutzte er aus, um zahlreiche ihm anvertraute Mädchen sexuell zu missbrauchen. 1974 wurde er dafür zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Doch auch nach seiner Entlassung blieb Baumann eine prägende Figur der Gemeinschaft – und setzte sein Handeln fort.

Er wächst als Bauernsohn in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Die Familie gehört dem Evangelischen Brüderverein an, einer streng religiösen Gemeinschaft. Abstinenz und ein konservatives Rollenbild bestimmen den Alltag, Sexualität wird verteufelt.

1927 verlässt die Familie die Gemeinde Linden BE und zieht nach Meisterschwanden. Dort kann sie einen kleinen Bauernhof erwerben. Rund zehn Jahre später folgt die Insolvenz. Der Hof wird zwangsversteigert, die Familie zieht zurück in die Region Linden und lebt fortan in einem kleinen Haus in Heimenschwand.

Für Paul Baumann ist die Situation offenbar unerträglich. Er baut eine Bombe. Bei deren Explosion wird ein Kind verletzt, das im selben Haus lebt. Eine erste psychiatrische Abklärung stuft Baumann als gemeingefährlich ein. Er wird in die Anstalt Riggisberg eingewiesen. Eigentlich hätte er verwahrt werden sollen. Doch nach rund einem Jahr läuft Baumann davon. Es ist die Zeit des Zweiten Weltkriegs – seine Flucht bleibt ohne Folgen.

Jahre später wird aus Paul Baumann jener Mann, den seine Anhänger «Vatti» nennen. In den 1950er-Jahren gründet er in Linden im Berner Mittelland die christliche Vereinigung Methernitha. Innerhalb der Gemeinschaft baut er über Jahre eine enorme Machtposition auf.

2011 stirbt Paul Baumann im Alter von 93 Jahren. Seine Geschichte und jene der betroffenen Frauen stehen im Zentrum der vierteiligen Doku-Serie «Der Engelmacher».

Wofür stand Baumanns Sekte Methernitha überhaupt?

Die Methernitha ist eine christlich-spirituelle Glaubensgemeinschaft und zugleich eine 1960 gegründete Wohn- und Arbeitsgenossenschaft.

Die Mitglieder leben und arbeiten gemeinsam und erwirtschaften zusammen ihren Lebensunterhalt. Neben dem christlichen Glauben spielen auch Esoterik und Vorstellungen von Magie eine Rolle. Davon zeugen etwa Zauberstäbe und Zauberbücher, die in der Gemeinschaft verwendet wurden.

Die erste und zweite Umschlagseite des «Geheimbuches» der christlichen Vereinigung Methernitha im «Geistigen Zentrum Linden» 1959.

Die erste und zweite Umschlagseite des «Geheimbuches» der christlichen Vereinigung Methernitha im «Geistigen Zentrum Linden» 1959.

PHOTOPRESS-ARCHIV

Bekannt wurde Baumann auch durch die «Testatika», einen von ihm konstruierten Generator, der angeblich mit sogenannter «freier Energie» Strom erzeugen sollte. Belegt wurde das nie. Gleichzeitig besass Baumann als «Vatti» innerhalb der Gemeinschaft grosse Macht. Er machte Mädchen und junge Frauen zu seinen «Engeln» und missbrauchte zahlreiche von ihnen. Diese Verbindung von Spiritualität, männlicher Macht und der Ausbeutung von Frauen macht die Geschichte auch aus feministischer Sicht relevant.

Ist die Schweiz ein guter Standort für Sekten?

Die Schweiz ist traditionell ein guter Nährboden für Sekten, sagt Georg Schmid, Leiter der Fachstelle Relinfo (Evangelische Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen) auf Anfrage von blue News.

Schmid nennt dafür historische und gesellschaftliche Gründe. Schmid erklärt: «Seit der Reformationszeit ist die Schweiz konfessionell vielfältig geprägt. Wo bereits unterschiedliche Glaubensgemeinschaften nebeneinander existieren, haben es neue Gruppierungen leichter, Fuss zu fassen.»

Hinzu komme die lange Tradition der Religionsfreiheit, die seit 1874 in der Bundesverfassung verankert ist. Auch der Wohlstand spiele eine Rolle: Neue Gemeinschaften seien darauf angewiesen, Menschen mit den nötigen finanziellen Ressourcen für sich zu gewinnen.

Sektenähnliche Gefüge wie die Methernitha-Gemeinschaft gebe es auch heute noch, sagt der Experte. Schmid erklärt dazu: «Denn das Bedürfnis nach einem einfachen, naturnahen Leben in einer spirituellen Gemeinschaft und das damit verbundene Elite-Bewusstsein sind weiterhin vorhanden.».

Warum beleuchtet ein Dok die Methernitha-Gemeinschaft?

Die Schweizer Filmemacherin Marina Klauser im Zürcher Kino RiffRaff im Juli 2026.

Die Schweizer Filmemacherin Marina Klauser im Zürcher Kino RiffRaff im Juli 2026.

KEYSTONE

Für die Autorin und Regisseurin Klauser ist «Der Engelmacher» auch eine Aufarbeitung ihrer eigenen Familiengeschichte. Erst vor sieben oder acht Jahren erfuhr sie, dass ihre Grosseltern der abgeschotteten Glaubensgemeinschaft Methernitha als externe Mitglieder angehörten. Ihre Tante Käthi, eine der Protagonistinnen der Serie, verbrachte dort ihre Jugend und ihre frühen Erwachsenenjahre.

Aus dieser persönlichen Verbindung heraus begann Klauser, sich mit der Geschichte der Gemeinschaft auseinanderzusetzen – und stiess dabei auf eine verstörende Vergangenheit. Gegen Baumann wurden schwere Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs öffentlich, die schliesslich in einem Gerichtsverfahren mündeten. In Klausers eigener Familie war darüber kaum gesprochen worden; die ältere Generation habe alte Wunden nicht aufreissen wollen.

«Ich sehe es als Privileg, über etwas zu berichten, das mich persönlich beschäftigt», sagt Klauser im Gespräch mit Keystone-SDA. Ihr langjähriges Interesse an Spiritualität, Religion und Feminismus verbindet sich in der Dokumentarserie mit ihrer eigenen Familiengeschichte.

Wo und wann kann ich die Doku sehen?

Die ersten beiden Episoden «Vatti und seine Engel» und «Engelskinder» werden am Donnerstag, 27. August 2026, um 20.10 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt. Die beiden weiteren Folgen «Fall der Engel» und «Vattis Schatten» zeigt SRF 1 am Sonntag, 30. August 2026, um 23.10 Uhr. Alle vier Episoden sind bereits auf Play SRF verfügbar.


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