Sie ist die erste afghanisch-amerikanische Person im US-Kongress – wer ist Aisha Wahab?


Darum geht’s

  • Aisha Wahab wurde Mitte August als erste afghanisch-amerikanische Person in den US-Kongress gewählt.
  • Damit schreibt sie Geschichte. Mal wieder. Das hat sie in der Vergangenheit immer wieder getan – als eine der ersten Afghanisch-Amerikanerinnen in einem öffentlichen Amt und als erste muslimische Senatorin Kaliforniens.
  • Doch ihr Weg dahin war nicht einfach: Ihre Eltern flohen aus Afghanistan, starben früh, sie kam ins kalifornische Pflegesystem und wurde schliesslich adoptiert.
  • Dann verlor ihre Adoptivfamilie in der Finanzkrise Haus und Arbeit – und Wahab stieg in die Politik ein. Sie wurde Stadträtin von Hayward, Vizebürgermeisterin und Senatorin – und zuletzt gewann sie einen Sitz im US-Kongress.
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«Ein amerikanischer Traum», so beschreibt Aisha Wahab sich selbst auf ihrer Website. Tatsächlich liest sich ihre Biografie wie der Inbegriff dieser Leitidee der USA, dass jeder Mensch durch harte Arbeit, Ausdauer und eigene Leistung Erfolg erreichen kann: Ihre Eltern flohen aus Afghanistan in die USA, Wahab kam als Kind in eine Pflegefamilie, wurde adoptiert und sitzt heute als erste Afghanisch-Amerikanerin im US-Kongress.

Angetrieben wird die 39-jährige Demokratin von «der Überzeugung, dass der Staat den Menschen dienen muss, nicht den Mächtigen», heisst es weiter auf der Seite.

Doch wer ist die Politikerin, die immer wieder Geschichte schreibt?

Wahab wurde in Queens, New York, geboren.

Wahab wurde in Queens, New York, geboren.

EPA

Wahab wurde im Januar 1987 in Queens, New York, geboren. Ihre Eltern flohen in den 80er-Jahren aus Afghanistan in die Vereinigten Staaten, als die Sowjetunion in ihr Heimatland einmarschierte und Krieg tobte. «Noch bevor sie ihre Schuhe binden konnte, wurde ihr Vater ermordet und ihre Mutter starb», steht auf ihrer Website weiter. Viel mehr, weiss man darüber nicht. Nur: Der Fall ihres Vaters ist bis heute ungeklärt.

Als sie neun Jahre alt war, kamen sie und ihre ältere Schwester ins kalifornische Pflegesystem, bis eine amerikanisch-afghanische Familie sie adoptierte und sie nach Fremont zogen.

Sie selbst beschreibt die Adoptiveltern als ein «fleissiges Ehepaar». Dem Paar gehörte zu diesem Zeitpunkt ein kleiner Laden. Durch sie lernte Wahab Durchhaltevermögen, Hilfsbereitschaft und den Glauben an den amerikanischen Traum. Werte, die sie ihr ganzes Leben begleiten werden.

«Als Kind versteht man nicht genau, was mit einem passiert. Man versteht nur: Das ist mein Leben, das sind meine Umstände», sagte Wahab dem «San Francisco Chronicle» im Jahr 2023. «Man wächst also in verschiedenen Haushalten auf, mit verschiedenen Sprachen und Kulturen. Und darum fühle ich mich der grösseren Gemeinschaft so verbunden, weil ich so stark auf sie angewiesen war.»

Zweiter Schicksalsschlag trifft Familie hart

Wahab besuchte die High School in Fremont und studierte anschliessend Politikwissenschaft an der San José State University. Danach machte sie einen Masterabschluss in Unternehmensführung an der California State University.

Nach ihrem Studium arbeitete sie unter anderem als IT-Beraterin und in verschiedenen Funktionen im Technologie- und Geschäftsbereich. 2024 schloss sie zudem ein Doktoratsstudium in Sozialer Arbeit an der University of Southern California ab.

San José State University. Hier studierte Wahab Politikwissenschaften.

San José State University. Hier studierte Wahab Politikwissenschaften.

Screenshot Google Review

Dann kam 2011. In den Nachwehen der weltweiten Finanzkrise verloren ihre Adoptiveltern das Geschäft, das Haus in Fremont wurde zwangsversteigert, die Gesundheit des Vaters verschlechterte sich und Wahab selbst verlor als Hauptverdienerin der Familie ihren Job. Die Familie konnte sich das teure Fremont nicht mehr leisten und zog in die günstigere Nachbarstadt Hayward.

Politisches Interesse beginnt

Dort begann Wahab, Stadtratssitzungen zu besuchen. Es ging um Wohnen, Sicherheit und Rechte von Einwander*innen. Was sie dort sah und hörte, überzeugte sie aber nicht. Es fehlte an Führung und Visionen, vor allem beim Thema Wohnraum.

«Ich hatte das Gefühl, es liesse sich so viel bewegen, wenn nur eine einzige Stimme die Probleme benennen würde», sagte sie später gegenüber «Prism Report». Also entschied sie sich, für einen Sitz im Stadtrat zu kandidieren.

Doch das war nicht der einzige Grund: «Als Präsident Trump 2016 gewählt wurde, hat die Hetze gegen so viele verschiedene Gemeinschaften mich wirklich dazu gebracht, mich viel tiefer zu engagieren», erzählte sie damals dem «Sacramento Bee».

Kandidatin für die Stadtratswahlen

Parallel engagierte sie sich seit Jahren ehrenamtlich: im Vorstand der Afghan Coalition, bei der Obdachlosenhilfe Abode Services und der Lebensmittelhilfe Tri-City Volunteers, als Vorsitzende der Menschenrechtskommission des Bezirks Alameda und als Mitorganisatorin des Women’s March 2017 in San José.

Wahab gehörte zu den ersten Afghanisch-Amerikanerinnen in einem öffentlichen Amt der USA.

Wahab gehörte zu den ersten Afghanisch-Amerikanerinnen in einem öffentlichen Amt der USA.

AP

Im Jahr 2018 war es dann so weit: Die Stadtratswahlen standen an. Zwei Plätze wurden frei. Die damals 31-Jährige trat gegen sechs Mitbewerber*innen an, darunter zwei Amtsinhaber. Sie hatte keine politischen Berater*innen, sondern klopft an Türen, quer durch die Stadt. Schliesslich holte sie sich die meisten Stimmen von allen und gewann.

Sie gehörte zu den ersten Afghanisch-Amerikanerinnen in einem öffentlichen Amt der USA. «Ich war sehr, sehr berührt, als ich ältere afghanische Amerikaner*innen sah, die weinten und sagten: ‹Sie haben es uns ermöglicht, unsere Köpfe mit Stolz zu erheben.›», sagte sie kurz nach ihrer Amtseinsetzung, wie mehrere Medien damals berichteten.

Rasanter Aufstieg im Senat

Danach ging es schnell. Im Jahr 2020 wurde Wahab Vize-Bürgermeisterin von Hayward. 2022 kandidierte sie als Demokratin für den Senat von Kalifornien und setzte sich mit 53,7 Prozent gegen Fremonts Bürgermeisterin Lily Mei durch, wieder als erste Muslimin und erste Afghanisch-Amerikanerin.

Sie führte ab 2023 den Ausschuss für öffentliche Sicherheit, wurde 2024 stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Demokrat*innen und Vorsitzende eines Budget-Unterausschusses, 2025 zusätzlich Chefin des Wohnbau-Ausschusses. Heute leitet sie auch den Ausschuss für Wirtschaft und Berufsstände.

SB 403 sollte Diskriminierung aufgrund der Kaste verbieten, jenes jahrhundertealten Standessystems aus Südasien. Ein solches Gesetz gab es in keinem US-Staat bisher.

SB 403 sollte Diskriminierung aufgrund der Kaste verbieten, jenes jahrhundertealten Standessystems aus Südasien. Ein solches Gesetz gab es in keinem US-Staat bisher.

FR171846 AP

Allein 2024 wurden 16 ihrer Gesetzesvorlagen unterzeichnet, mehr als bei jedem anderen Senator und jeder anderen Senatorin der Bay Area, darunter ein Paket, das KI-generierte Nacktbilder unter Strafe stellt. Als Wohnbau-Chefin sicherte sie über 1,4 Milliarden Dollar für bezahlbares Wohnen.

Bekannt wurde sie aber vor allem im Jahr 2023 mit einem Gesetz, das es in dieser Form in keinem US-Staat gab: SB 403 sollte Diskriminierung aufgrund der Kaste verbieten, jenes jahrhundertealten Standessystems aus Südasien. Beide Kammern stimmten deutlich zu, doch der demokratische Gouverneur Gavin Newsom legte sein Veto ein. Das Gesetz sei «unnötig», da Kastendiskriminierung in Kalifornien durch bestehende Verbote bereits abgedeckt sei. Also scheiterte Wahabs Plan.

«Sie nimmt kein Nein als Antwort»

Über ihr Privatleben ist kaum etwas bekannt. Ausser, dass sie Mieterin ist. Das macht sie auch immer wieder zu ihrem politischen Wahlkampf. Wer mit Aisha Wahab arbeitet oder gearbeitet hat, beschreibt sie als unbequem, unbeirrbar und schwer zähmbar.

«Sie nimmt kein Nein als Antwort», sagte ihr Senatskollege Mike McGuire in einer Rede im kalifornischen Senat, wie der «San Francisco Chronicle» schreibt. Er lobte ihre «hingebungsvolle Leidenschaft», ihren «unermüdlichen Arbeiseifer und ihre «einzigartige Fähigkeit, jeden Sentor auf überparteiliche Weise zu verärgern.»

Über das Privatleben von Wahab weiss man kaum etwas.

Über das Privatleben von Wahab weiss man kaum etwas.

AP

Ein Mitarbeiter des California State Capitol formulierte es drastischer, wie die Zeitung weiter schreibt: «Sie arbeitet hart, und du willst sie auf deiner Seite haben, aber sie geht durch eine Ziegelmauer, statt um sie herum.»

Sie selbst sagt über sich im «Sacramento Bee»: «Die Art, wie ich Dinge tue, ist nicht die traditionelle. Das macht mich zur Zielscheibe, erlaubt mir aber auch, Dinge zu tun, über die zuvor nur geredet wurde.»

Kritik an ihr gibt es aber ebenfalls: Wahab gilt in Sacramento als schwierige Chefin. Der Ruf entstand im Frühjahr 2023, als ihre Stabschefin abrupt ihre Stelle verliess, nur rund fünf Monate nach Wahabs Amtsantritt im Senat.

Sitz im Kongress wird frei

Im April 2026 wurde schliesslich ein Sitz im Kongress frei: jener des 14. Distrikts im East Bay, der im Wesentlichen Teile des Bezirks Alameda umfasst. Der Demokrat Eric Swalwell trat zurück, nachdem ihn mehrere Frauen wegen sexuellen Fehlverhaltens und schwerer Übergriffe beschuldigt hatten. Bis heute streitet er die Vorwürfe ab.

Auch nach diesem Sitz griff Wahab – und gewann diesen August. Sie ist die erste afghanisch-amerikanische Person überhaupt mit einem Sitz im US-Repräsentantenhaus. Ihre Gegnerin war Melissa Hernandez. Auch sie ist Demokratin, allerdings deutlich gemässigter. Und genau darin lag der Konflikt, der diese Wahl von Anfang an prägt: links gegen Mitte.

Melissa Hernandez, die Gegnerin von Wahab im Wahlkampf.

Melissa Hernandez, die Gegnerin von Wahab im Wahlkampf.

Melissa Hernandez

Wahab hatte die Arbeiterbewegung hinter sich. Grosse Gewerkschaften wie die Pflegeorganisation National Nurses United, die Dienstleistungsgewerkschaft SEIU und der Gewerkschaftsbund California Labor Federation unterstützten sie. Dazu progressive Gruppen wie Our Revolution, die Umweltorganisation Sierra Club und der Congressional Progressive Caucus, die Gruppe der linken Abgeordneten im Kongress.

Hernandez wiederum stützten Amtsträger. Dazu gehörten die Kongressmitglieder Zoe Lofgren, Sam Liccardo und Adam Gray, Staatsschatzmeisterin Fiona Ma, der Hispanic Caucus als Vertretung der latino-amerikanischen Abgeordneten und die New Democrat Coalition, ein Zusammenschluss gemässigter Demokraten. Auch die Transportgewerkschaft Teamsters und mehrere Feuerwehr-Gewerkschaften standen auf ihrer Seite.

Wahab legte sich nicht nur mit Hernandez an, sondern auch mit der Führung ihrer eigenen Partei. Gemeint ist die kalifornische Kongress-Delegation: die Gruppe aller demokratischen Abgeordneten des Bundesstaates in Washington. Ihre langjährige Vorsitzende ist Zoe Lofgren.

Millionen aus dem Umfeld von AIPAC

Die Parteispitze hatte für die Wahl nämlich einen anderen Plan. Weil Swalwells Amtszeit ohnehin nur noch bis Januar läuft, sollte jemand den Sitz bloss übergangsweise besetzen und im November nicht mehr kandidieren. So hätten sich die Demokraten einen teuren Wahlkampf gegen sich selbst erspart. Doch Wahab weigerte sich mitzumachen. Der Plan war gescheitert.

Noch wichtiger für den Wahlkampf war aber Geld: Fünf bis sechs Millionen US-Dollar flossen in Fernsehspots und Werbebriefe gegen Wahab und für Hernandez.

Ein grosser Teil stammte von sogenannten Super PACs. Das sind unabhängige Wahlkampfvereine. Sie dürfen unbegrenzt Geld sammeln und ausgeben, solange sie sich nicht direkt mit dem Wahlkampfteam einer Kandidatin absprechen. Über diesen Umweg lassen sich die strengen Obergrenzen für Spenden an Kandidierenden umgehen.

Mehrere dieser Vereine stehen der Israel-Lobby AIPAC nahe. Rund 2,5 Millionen Dollar kamen vom United Democracy Project, dem Super PAC von AIPAC. Weitere 1,9 Millionen gab die Gruppe BOLD America aus, die ihr Geld unter anderem vom United Democracy Project erhielt.

Der Grund dafür: Wahab hatte im kalifornischen Parlament eine Resolution gegen den Krieg in Gaza mitverfasst. An einer Podiumsdiskussion im April sagte sie zudem Ja zur Frage, ob es sich bei Israels Vorgehen um einen Genozid handle. Wahabs Herausforderin Hernandez war die Einzige auf dem Podium, die das nicht tat. Für die AIPAC-nahen Gruppen war Wahab damit eine Gegnerin, deren Einzug in den Kongress sie verhindern wollten.

Wahab und Hernandez treffen nochmals aufeinander

Wahab gewann trotzdem, mit 53,1 Prozent gegen 46,9 Prozent. Es sei «eine der hässlichsten und teuersten Wahlen, die wir je erlebt haben», sagte sie nach ihrem Sieg. «Dieser Bezirk ist nicht käuflich.»

Ihr Mandat ist allerdings kurz. Sie übernimmt nur den Rest von Swalwells Amtszeit, die im Januar endet. Über die nächste volle Amtszeit von zwei Jahren wird separat entschieden, am 3. November. Dann treffen Wahab und Hernandez erneut aufeinander.

Wahab gewann mit 53,1 Prozent gegen Hernandez.

Wahab gewann mit 53,1 Prozent gegen Hernandez.

AP

Doch bisher scheint der amerikanische Traum für Wahab, auch wenn es nicht immer einfach war, in Erfüllung zu gehen. Dazu sagte sie: «Ich kämpfe für den amerikanischen Traum, an den wir alle geglaubt haben. Einen Traum, in dem harte Arbeit bedeutet, ein Haus zu besitzen, für seine Familie zu sorgen und in Würde in den Ruhestand zu gehen.»


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