«Muri wollte mich weiter aufbieten»


Routinier hört auf

Nati-Coach Murat Yakin setzte auf Silvan Widmer.

KEYSTONE

Nach 65 Länderspielen beendet Silvan Widmer seine Nati-Karriere – obwohl Trainer Murat Yakin weiter auf ihn setzen wollte. In einer vom SFV organisierten Medienrunde erklärt der 33-Jährige seinen Entscheid und blickt auf die prägendsten Momente zurück.

Syl Battistuzzi

Silvan Widmer …

… über den Rücktrittsentscheid

«Es kam jetzt nicht von heute auf morgen. Ich habe mir nach der letzten Partie bei der Weltmeisterschaft, also kurz nach dem Argentinien-Spiel, viele Gedanken gemacht. Ich habe mir für diese Entscheidung bewusst viel Zeit genommen, weil ich generell ein sehr reflektierter Mensch bin. Ich habe auch in den letzten Wochen viele Gespräche geführt und bin vor ein paar Tagen zum Schluss gekommen, dass das für mich in der jetzigen Situation die richtige Entscheidung ist. Natürlich war es keine leichte Entscheidung, weil die Nationalmannschaft mir nach wie vor unheimlich viel bedeutet.»

«Mein Körper sendete mir auch gewisse Signale und ist froh, mal ein bisschen mehr Erholungszeit zu haben. Mit so einer WM aufzuhören, ist sehr emotional. Für mich persönlich fühlt es sich richtig an und ich glaube, es ist der richtige Moment.»

… die Gespräche mit Yakin und Callà

«Ich habe in den letzten zwei Wochen zweimal mit Muri telefoniert und auch mit Davide Callà ein langes Gespräch gehabt sowie natürlich mit Freunden und der Familie. Die beiden Gespräche mit Muri und Davide waren sehr interessant, auch offen und ehrlich. Ich kann schon bestätigen, dass das Interesse von Muri noch da gewesen ist, um mich noch weiter für die Nati aufzubieten.»

… welche besonderen Erinnerungen bleiben

«Besonders in Erinnerung bleiben für mich die letzten fünf, sechs Jahre. Am Anfang war es nicht so einfach für mich in der Nationalmannschaft. Nach meinem Debüt 2014 habe ich in meinen ersten sechs Jahren nur eine Handvoll Spiele gemacht – mit Stephan Lichtsteiner hat ein Spieler auf meiner Position gespielt, der natürlich den Anspruch gehabt hat, immer zu spielen – und das oft auch überzeugend gemacht hat. Es gab auch noch andere Konkurrenten – richtig Fuss fassen in der Nati konnte ich deshalb erst 2020.»

«Die letzten Jahre mit diesen vier grossen Turnieren – jedes hat seine eigene Geschichte – werde ich auf jeden Fall nie vergessen. Speziell in Erinnerung bleiben wird mir sicher das Frankreichspiel bei meiner ersten EM. Das war das emotionalste Spiel in meiner ganzen Karriere. Auch die WM im Sommer mit dieser Kulisse und mit diesem Erfolg bleibt.»

… ob er zu Beginn der Karriere (ver-)zweifelte?

«Wenn ich zurückdenke, dann kommen mir auch die beiden anderen Turniere in den Sinn, als ich noch im erweiterten Kader war und dann kurz vor dem Abflug aus dem Kader gestrichen wurde. Das waren sicher Momente, die mich und meine Karriere geprägt haben. Rückblickend waren das aber Momente, die mich gestärkt haben. Nach den Enttäuschungen habe ich mir gesagt: ‹Okay, dann muss ich noch härter an mir arbeiten, damit ich es wirklich mal an einem grossen Turnier schaffe.› Ich bin sehr froh und auch stolz, dass ich diesen Weg wählte und nie aufgehört habe.»

… ob die WM-Rolle als Ersatzspieler ausschlaggebend war

«Ich habe in meiner Karriere verschiedene Stationen gehabt, wo ich die Rolle als Ergänzungsspieler oder Ersatzspieler super ausfüllen und akzeptieren konnte. Ich habe die Zeit im Sommer an der WM sehr genossen, obwohl ich nicht immer von Anfang an auf dem Feld gestanden bin. Das hat in meinen Überlegungen also keine Rolle gespielt.»

… ob ohne Embolo-Platzverweis die Nati weitergekommen wäre

«Ich glaube fest daran, dass wir das Spiel gewonnen hätten. Das Momentum war in dieser Phase des Spiels auf unserer Seite.»

… sein Schlüsselmoment in der Nati

«Mein Tor in Rom gegen Italien war sicher mein grösster Moment. Aber auch alle Turniere, in welchen ich die Schweiz vertreten durfte. Es sind viele Emotionen und Erinnerungen, die mir immer bleiben werden.»

…über die Reaktionen auf den Entscheid

«Viele ehemalige und aktuelle Teamkollegen haben schon reagiert und mir Nachrichten geschickt. Die Reaktionen von ihnen haben einmal mehr bestätigt, dass wir mehr als nur Teamkameraden waren, sondern wirklich wie eine Familie.»

… was er am meisten vermissen wird

«Die Jungs, allgemein das Zusammensein. Wir haben wirklich einen wunderbaren Zusammenhalt – in den letzten Jahren haben wir diverse Hobbys gehabt, bei denen wir abseits des Platzes zusammen viel Spass hatten.»

… die Zukunft seiner Klubkarriere

«Den Nati-Rücktritt habe ich natürlich auch gefällt, weil ich meine Klubkarriere verlängern will. Ich möchte auf höchstem Niveau Fussball spielen, solange meine Beine mitmachen – das ist das Ziel, welchem ich alles unterordnen will. Wie lange das reicht, werden wir sehen. Ich investiere sehr viel Zeit in meinen Körper und in meine Regeneration, aber im Alter werde ich noch mehr machen müssen.»

… seine Beziehung zu Murat Yakin

«Ich hatte mit Muri immer einen sehr ehrlichen und guten Austausch. Er hat immer geschätzt, dass er gewusst hat, was er an mir hat. Ich habe immer Gas gegeben, egal wie der Spielstand war oder das Spiel lief. Ich konnte mich natürlich auch über die Spiele im Klub, wo ich in den letzten Jahren gut spielte, für die Nationalmannschaft empfehlen.»

… seine Beziehung zu Urs Fischer

«Ich habe ein super Verhältnis mit ihm. Ich habe auch mit ihm geredet über den Schritt. Er hat mir auch gratuliert und mich darin bestärkt.»

… die Ziele mit Mainz

«Wir haben das Ziel, dass wir möglichst schnell Punkte holen, damit wir nichts mit einem Abstieg zu tun haben. Wenn das geschafft ist, ein höheres Ziel setzen und eine erfolgreiche Saison spielen.»

… ob er zum Stammklub Aarau zurückkehrt

«Die Verbundenheit mit dem FCA ist sicher da. Jedes Jahr blutet mir das Herz, wenn der Klub wieder knapp am Aufstieg vorbeischlittert. Aber ich möchte auf höchstmöglichem Niveau Fussball spielen. Wenn ich merke, es reicht mir nicht mehr für die Bundesliga, dann muss ich überlegen, wie es weitergeht. Dann ist der FCA vielleicht ein Thema.»


Silvan Widmer über seine Fähigkeiten: «Glänzen können die anderen»

Silvan Widmer ist Stammspieler in der Schweizer Nationalmannschaft und amtet bei Mainz 05 als Captain. Der Rechtsverteidiger erzählt im Interview mit blue News von seinem Wechsel in die Bundesliga und schätzt knallhart seine eigenen Fähigkeiten ein.


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