Von Kommunisten bis Corona-Kritikern
Alt Bundesrat Christoph Blocher singt die Nationalhymne bei der Mitgliederversammlung von Pro Schweiz – dem Verein, der die Kampagne für die Neutralitätsinitiative führt.
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Darum geht’s
- Hinter der Neutralitätsinitiative versammelt sich ein Bündnis, das über SVP-Kreise hinausreicht.
- Zu den Unterstützer*innen zählen prominente Persönlichkeiten wie Daniele Ganser, Valentin Landmann oder Sepp Blatter.
- Das Schweizer Stimmvolk entscheidet über die Vorlage am 27. September.
Die Neutralitätsinitiative gilt gemeinhin als Projekt von SVP-Doyen Christoph Blocher, flankiert von weiteren aktuellen und ehemaligen Volkspartei-Verteter*innen sowie Pro Schweiz – einer nationalkonservativen Organisation, die sich für eine möglichst strikte Schweizer Neutralität einsetzt.
Das ist nicht falsch, aber die Unterstützerfront ist inzwischen deutlich vielfältiger. Neben SVP-Politiker*innen finden sich ein prominenter Strafverteidiger, ein ehemaliger FIFA-Präsident, ein umstrittener Historiker, Corona-Massnahmenkritiker sowie linke Politiker und Friedensaktivisten.
Historiker René Roca während der Medienkonferenz zur Lancierung der Neutralitätsinitiative im November 2022.
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Wer wissen will, woher die Neutralitätsinitiative tatsächlich kommt, landet unweigerlich bei René Roca. Der Historiker und Gymnasiallehrer ist Mitglied des Initiativkomitees und leitet das von ihm selbst gegründete Forschungsinstitut direkte Demokratie.
Roca widerspricht der Darstellung, wonach Blocher das Projekt aus der Taufe gehoben habe. Seine Version der Geschichte beginnt mit einem Gastkommentar zur Neutralität in der «NZZ», den er 2022 unter anderem an Blocher schickte. Daraus sei eine Arbeitsgruppe entstanden, die den Initiativtext ausarbeitete. Roca bezeichnet sich als parteilos und sieht sich selbst eher im linksliberalen beziehungsweise pazifistischen Spektrum. Auch die Kommunistische Partei stellt ihn als geistigen Vater der Initiative dar.
Roca war früher Mitglied des Vereins zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM), einer Organisation, die in der Schweiz jahrzehntelang höchst kontrovers diskutiert wurde. Der VPM war vor allem wegen seines starken Einflusses in schul- und gesundheitspolitischen Fragen umstritten. Zürcher Behörden warfen ihm unter anderem «sektenähnliche Züge» und eine «totalitäre, vereinnahmende Tendenz» vor. Auch das Bundesgericht befasste sich mehrfach mit Konflikten rund um den VPM.
Die ganz neutrale Familie
Die Familie Gartenmann ist im Abstimmungskampf gleich doppelt präsent. Werner Gartenmann ist Geschäftsführer von Pro Schweiz und gehört damit zu den wichtigsten Organisatoren der Neutralitätskampagne. Der langjährige SVP-Funktionär war unter anderem Parteisekretär der Zürcher Kantonalpartei.
Seine Tochter Stephanie Gartenmann gehört der jüngeren Generation der Bewegung an. Die 2002 geborene Berner SVP-Grossrätin sitzt seit Herbst 2025 im Kantonsparlament und war von 2024 bis 2026 Generalsekretärin der Jungen SVP Schweiz. Bereits seit 2022 gehört sie dem Initiativkomitee an. Im April 2025 wurde sie zudem in den Vorstand von Pro Schweiz gewählt.
Stephanie Gartenmann ist seit Oktober 2022 Grossrätin des Kantons Bern.
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Vater und Tochter treten auch gemeinsam für die Vorlage auf. SRF bezeichnete sie bereits 2025 als «treibende Kraft» hinter der Initiative. Während Werner Gartenmann vor allem die organisatorischen Fäden zieht, ist Stephanie als junge Politikerin eine öffentlich sichtbare Stimme der Kampagne.
Valentin Landmann gehört zu den bekanntesten Juristen der Schweiz.
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Valentin Landmann ist einer der bekanntesten Namen im Initiativkomitee. Der Zürcher Strafverteidiger wurde weit über die Schweizer Justizszene hinaus durch spektakuläre Mandate bekannt. Zu seinen Klient*innen gehörten unter anderem Personen aus dem Rotlichtmilieu und dem Umfeld des Motorrad- und Rockerclubs Hells Angels.
Bei der Neutralitätsinitiative argumentiert Landmann grundsätzlicher Natur. Die Neutralität sei für die Schweiz nicht bloss ein historisches Relikt, sondern ein Instrument für Sicherheit und internationale Friedensdiplomatie. Insbesondere kritisiert er die Übernahme von Wirtschaftssanktionen und eine zunehmende Annäherung an Nato und EU.
Auch Sepp Blatter weibelt bereits seit Jahren für die Vorlage. Zwölf Jahre stand er an der Spitze der FIFA und war eine der international bekanntesten Schweizer Persönlichkeiten. Seine Unterstützung ist deshalb auch symbolisch interessant: Ausgerechnet ein ehemaliger Chef einer global tätigen Organisation wirbt für eine Schweiz, die sich stärker von internationalen Machtblöcken und militärischen Bündnissen abgrenzen soll.
Historiker Daniele Ganser polarisiert mit seinen Standpunkten regelmässig.
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Der Historiker und Publizist Daniele Ganser gehört nicht zum offiziellen Initiativkomitee, ist aber ein prominenter Unterstützer. Ganser lehnt eine Annäherung der Schweiz an die Nato ab und fordert eine möglichst strikte Neutralität sowie eine Beschränkung der Schweizer Sanktionspolitik auf vom Uno-Sicherheitsrat beschlossene Massnahmen.
Ganser ist zugleich eine der kontroversesten Personen im Unterstützerumfeld. Seine geopolitischen Thesen sind immer wieder Gegenstand heftiger Kritik. So zweifelt Ganser etwa die offizielle Version von 9/11 an oder kritisiert die Rolle der Nato im Ukraine-Krieg. Über seine Vorträge, Videos und sozialen Medien erreicht er ein alternatives Publikum, das über die traditionelle SVP-Wählerschaft hinausgeht.
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Christoph Pfluger ist der Herausgeber des alternativen und systemkritischen Magazins «Zeitpunkt». Pfluger war während der Corona-Pandemie eine wichtige Stimme der Massnahmenkritik und ist heute prominent in der Bewegung für Neutralität engagiert. Auf seiner Website publiziert er regelmässig Beiträge zur Initiative und argumentiert, sie könne die militärische Annäherung der Schweiz an Nato und EU bremsen.
Pfluger gehört damit zu jenen Personen, die sich aus den Corona-Protesten heraus politisiert haben und nun bei der Neutralitätsfrage wieder auftauchen. Die «Bewegung für Neutralität», in der Pfluger im Vorstand sitzt, verbindet Friedenspolitik und direkte Demokratie mit einer grundsätzlichen Kritik an der internationalen Politik und an einer stärkeren Einbindung der Schweiz in westliche Bündnisstrukturen. Pfluger liefert dafür die publizistische Infrastruktur.
Dass die Vorlage nicht nur Support aus dem rechten und alternativen Lager bekommt, beweist Wolf Linder. Der emeritierte Politikwissenschaftler und langjährige SP-Mann unterstützt die Initiative, obwohl seine Partei sie bekämpft. Linder warnt insbesondere vor einer schleichenden Annäherung der Schweiz an die Nato und plädiert für eine konsequente Neutralität.
Er wirbt regelmässig an Veranstaltungen für die Initiative. Mit einem offenen Brief wandte er sich zudem kürzlich an die SP-Parteileitung und kritisierte deren Nein zur Initiative. Unterschrieben hat diesen Aufruf auch Pascal Lottaz – Politikwissenschaftler an der Universität Kyoto. Als Mitglied der SP International ist auch er ein Beleg dafür, dass die Befürworter*innen nicht ausschliesslich aus dem konservativen Lager kommen.
Noch weiter links steht Massimiliano Ay. Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Schweiz ist einer der Köpfe des «pazifistischen und internationalistischen Komitees für die Neutralität», das im Sommer 2026 lanciert wurde. Neben der Kommunistischen Partei gehören diesem Komitee unter anderem die Partei der Arbeit, die Schweizerische Friedensbewegung, Linksbündig, die Vereinigung Schweiz-Kuba und No UE–No Nato an.
Ay macht damit eine seltene Konstellation sichtbar: Bei der Neutralitätsinitiative kämpfen Souveränisten Seite an Seite mit Kommunisten.
Die ungewöhnliche Allianz
Die Liste verdeutlicht, wie weit sich die Neutralitätsinitiative inzwischen von einem reinen SVP-Projekt entfernt hat. Die Motive sind dabei keineswegs identisch. Für die SVP-nahe Seite geht es vor allem um Souveränität, Sicherheit und die Abgrenzung von internationalen Bündnissen. Die linke Unterstützerseite argumentiert stärker mit Pazifismus, internationaler Solidarität und der Ablehnung der Nato. Gemeinsam ist ihnen die Forderung nach einer deutlich strikteren Neutralität.
Ob diese ungewöhnliche Allianz auch an der Urne funktioniert, entscheidet sich am 27. September. Für die Annahme der Initiative braucht es neben dem Volks- auch das Ständemehr.
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